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Mo 9.5. Oloron - Lannemezan 115 km: Wer's glaubt, wird seelig

Erstmal zu einem nahegelegenen Fahrradgeschäft, dort hängen verlockend Fahrradtrikots auf der Stange. Aber man kann sich nur die Nase an der Schaufensterscheibe plattdrücken, der Laden bleibt auch nach 9 Uhr, wohl wieder weil es Montag ist, geschlossen. Ein rotes Trikot (langärmlig) findet leider nicht den weit herangereisten Käufer aus Deutschland. Ein Foto von den Häusern, die geradezu in den Fluss Oleron hineingebaut sind. Wie man das wohl gemacht hat, den Fluss umleiten oder abdämmen, schliesslich sind die Häuser vor Aufkommen moderner Technik erbaut worden. Und heute wohnt man noch darin, dass ist bei den vielen altertümlichen Orten, so romantisch sie sind, das Erstaunliche.

Zunächst geht es heute immer rauf und runter, erst im Tal der oder des Gave du Pau fährt man ohne Steigungen. Eine Rast am Strassenrand: in dem Tankschacht einer ehemaligen Tankstelle huschen die Ratten, die wundern sich über den warmen Regen von oben.

Wir passieren die Grottes de Betharam, eines der grossartigsten Höhlensysteme der Region. Auf Werbeplakaten werden alle Sportarten, die man in dieser Gegend ausüben kann, angepriesen: Höhlentouren, Klettern und Bergsteigen, Kanu- und Schlauchbootfahrten, Mountainbiking usw. Normales Wandern ist schon out.

Gegen Mittag erreichen wir Lourdes, das verspricht wieder einen Höhepunkt an Eindrücken, wie auch immer. Die Partnerstadt von Lourdes in Polen ist Tschenstochau, Sitz der schwarzen Madonna. Das passt ja wie die Faust auf's Auge, "Da können die Gemeinderäte immer gemeinsam beraten, wie sie die Pilger am besten behumsen" meint Thomas dazu.


Lourdes
Wir schlüpfen in das heilige Gelände durch ein unverschlossenes Hintertor in einem Drahtzaun. Vor der heiligen Grotte drängen sich die Gläubigen. In dieser Grotte soll eine Dame namens Bernadette im Jahre 1858 eine Marienerscheinung gehabt haben. Wer's glaubt, wird seelig!

Ich ziehe mir meine Trainingshose über, um auch einen Fuss in die geweihte Stätte zu setzen. Leute in Rollstühlen werden vorbeigeschoben, viele grüssen und singen Choräle vor sich hin. Die Rollstühle kann man mieten, mit Anschieber. Hier und dort wird ein privater Gottesdienst abgehalten. Man sieht den Leuten an, dass sie restlos glücklich damit sind, am Ziel ihrer Wünsche zu sein.

Ich reihe mich in die Reihe der Pilger ein. Die Beobachtungen dabei entfachen eine regelrechte Wut. Viele küssen die Steine. Eine Frau führt in einem Korb Brot mit sich. Dieses reibt sie nun an den heiligen Felsen wohl in der Annahme, das Brot dadurch zu weihen oder ihm Heiligkeit zu übertragen. Andere entzünden Kerzen und fügen sie einer Pyramide hinzu, die ständig zusammenzubrechen droht und von einem eigens dafür Ver antwortlichen bewacht wird.


Mariengrotte
Über der Grotte ist ein Draht gespannt, da hängt ein Satz von Krücken und anderen Geh-Instrumenten: das sind wohl die Zeugen von Wunderheilungen. Mich klärt später jemand auf: für eine Wunderheilung muss man sich vorher ein Attest besorgen, das einem bescheinigt, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Wenn es dann mit der Heilung geklappt hat, darf man sich unter Vorlage des Attestes wieder melden und den Antrag auf Anerkennung des Wunders stellen. Wenn das auch wieder gut geht, wird man in die Liste der Wunderheilungen aufgenommen.

Nebenan ist die Abfüllstelle für das heilige Wasser. Überall kann man Flaschen, Behälter und Kannister kaufen. Die schönsten davon sind in der Form der Marienstatue gehalten.

Das alles kann man wohl nur als Götzentum in Reinkultur bezeichnen! Dass eine Kirche der Neuzeit sowas duldet und sogar noch unterstützt, das ist schon erbärmlich. Aber Geld kann man damit verdienen...

Als ob man unsere Gedanken gelesen hätte, ein Wächter erscheint und macht uns unmissverständlich klar, dass wir mit den Fahrrädern hier nun absolut gar nichts verloren hätten. Äber die fahren doch auch Rollstuhl" - aber das ist ein makabrer Scherz. Die vielen Kranken können am wenigsten für den Hokuspokus hier, viele haben sicher lange gespart, um sich diesen Wunsch erfüllen zu können. Eine Pilgergruppe aus Irland mit Transparenten, Spruchbändern und mitgeführtem Priester an der Spitze des Zuges zieht singend an uns vorbei.

Wir leisten murrend dem Wachmann Folge und befinden uns sogleich draussen vor der Tür. Hätten wir vorhin nicht die Hintertür gefunden, wir wären gar nicht hineingekomen, es ist alles streng bewacht.

An die heilige Meile schliesst sich die Souvernirmeile an. Was es da an Andenken und frommem Schnickschnack zu kaufen gibt, ist an Kitsch nicht zu überbieten. Froh, an einem anständigen Bäckerladen zu landen, sind erstmal ein paar Stück Kuchen fällig, da weiss man, was man hat.


Mauvezin
Das nächste Ziel ist die Stadt Bagneres di Bigorre. Wir zeigen dem geschäftigen Treiben bald den Rücken, man muss weiter bergauf klettern, und darf dann eine rauschende Abfahrt hinunter zu der etwas maroden Abtei d' Escaladieu (Zisterzienserkloster, 12. Jahrh.) geniessen. Natürlich geht es sogleich wieder hinauf zu dem Ort Mauvezin, oben auf dem Berg thronen die Reste einer Trutzburg. Unsere Hoffnung auf eine Bleibe erfüllt sich nicht. Trotz schöner Lage mit Rundblick nach allen Seiten gibt es hier kein Hotel. Dafür geht es wieder hinunter, das letzte Stück über eine Nationalstrasse fahrend erreichen wir Lannemezan.

Und nun geschieht das Wunder. Ein Fahrradgeschäft hat noch geöffnet. Nun darf ich den geneigten Leser von der Plage erlösen, die Suche nach einem Fahrradhemd mit zu erdulden. Ich kann ein Hemd erstehen, das genau die Farbe meines Fahrrads hat. Wie ich später feststelle, kosten die Hemden bei uns so um das Doppelte. Man kann also jedem empfehlen, sein Fahrradhemd in Frankreich zu kaufen, wenn er die Geduld dazu hat. Ein Hotel finden wir auch, der Abend ist gerettet.

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