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Sa, 30.4. Tournoisis - Onzain 107 km: An der Loire

Nach diesem so angenehm verbrachten Abend begrüssen wir ausgeschlafen den sonnigen Morgen. Schnell ist die verbleibende Reststrecke bis an die Loire abgeradelt. Thomas und ich fahren nun bartfrei, um dem Gegenwind besser zu trotzen. Ich kann mich aber im Spiegel nicht wiedererkennen und beschliesse - Zeit genug ist ja - den alten Zustand wieder herzustellen. Ausserdem haben wir jetzt Rückenwind, was für eine stabile Wetterlage spricht.

Bei Meung erreichen wir die Loire und sind entzückt über das kleine Städtchen. Wieder werden nötige Besorgungen gemacht, Thomas versucht bei der Bank Credit Lyonnaise vergeblich, mit seiner Kreditkarte zu Geld zu kommen. Weder der Automat noch der nachgeordnete Bankbevollmächtigte können etwas damit anfangen. Ich mit meiner VISA-Card stehe feixend mit weltmännischer Miene daneben.

Bis Bourgency geht es auf einer Radwanderstrecke am Ufer der Loire dahin, herrliche Ausblicke auf die Flussauen und malerisch gebaute kleine Ortschaften machen die Fahrt zu einem Hochgenuss.


Bourgency

In Bourgency passieren wir die mächtige Loirebrücke. Zwischen den Pfeilern fliesst das Wasser in reissender Strömung, was wir paddeltheoretisch begutachten. Wir schlagen die Richtung nach Chambord ein, dem wohl grossartigsten der Loire Schlösser (obwohl es gar nicht an der Loire liegt). Auf der langen Strecke, die zwar durch den Wald führt, aber kaum Schatten bietet, macht uns die Mittagshitze zu schaffen. Wieder finden wir in einer originellen Dorfkneipe eine angenehme Rast.

Durch ein Tor fährt man in den Park von Chambord ein, auf schnurgerader Strasse weiter geradeaus, bis das Schloss unvermittelt zur Rechten auftaucht. Chambord beeindruckt besonders durch die Pracht seiner vielen Schornsteine, die werden ganz schön Arbeit mit dem Heizen haben, wenn mal alle Öfen und Kamine angefeuert sind. Wir suchen aber lieber den Schatten auf und lassen die Pracht auf uns wirken.


Chambord
Dann mache ich mich auf, das Innere dieses Anwesens zu erkunden. Erstmal betritt man eine Halle mit Souvernirständen, da kann man natürlich alles finden, was direkt oder indirekt mit dem hier befindlichen und anderen Loire-Schlössern zu tun hat. Am liebsten würde ich mir ja einen Bastelbogen zum Nachbau des Gebäudes und seinen Schornsteinen kaufen, aber das ist gepäcktechnisch schlecht zu machen.

Am Durchgang zum Schlossinnenhof zischt mich dann schon ein zwar hübsches aber unnachgiebiges Fräulein an: "Votre ticket s'il vous plait". Ich trete den Rückzug an.

Draussen umschwärmt Rainer das Schloss fotografierenderweise, Thomas strebt einem Cafe zu. Ich schliesse mich Thomas an, im Schatten sitzend lassen wir die Szene wieder auf uns wirken. Nachdem dann Rainer noch ein überteuertes Eis verzehrt hat, geht es an die Weiterfahrt.

Auf einer schönen Strasse zurück an die Loire, dann landen wir allerdings auf einer viel befahrenen Nationalstrasse. Wir versuchen uns an einem unbefestigten Uferweg, doch Thomas mit seinem Vollblutrenner hat mit Sand und Schotter grosse Probleme. Bis Blois spulen wir also umtost vom Verkehr die Strecke ab.


Blois
Dort wieder über die Brücke und hinein in die selbstredend pittoreske Altstadt. Wie überall an solchen Orten hat sich auch hier allerhand fahrendes Volk eingefunden, das durch mehr oder minder grosse Leistungen Aufmerksamkeit und ein paar Münzen zu ergattern trachtet. Eine vielköpfige Gauklerfamilie musiziert, jongliert, tanzt, ein Kleinkind plagt sich mit seiner Nuckelflasche, einer geht mit einer Mütze herum.

Zu Füssen des bemerkenswerten Schlosses von Blois, dem wir nur wenig Aufmerksamkeit schenken, leisten wir uns wieder etwas Trinkbares (Orangeade) und kehren dann der betriebsamen Stadt den Rücken. Zwischen Bahndämmen, einem Friedhof und Neubauvierteln irren wir umher. Die Strassenkarte gibt wenig Aufschluss, die Stimmung wird leicht gereizt. Wir erreichen einen grossen Wald, wo sich mehrere Wege zur Fortsetzung anbieten. Rainer und ich sind der Überzeugung, zu weit nördlich abgedriftet zu sein und plädieren für einen nach Süden führenden Weg. Thomas nimmt uns kurzerhand die Entscheidung ab und biegt auf den nach Norden führenden Weg ein. "Hier geht's lang!"

Ich erkläre entschieden, dafür nicht die Verantwortung zu übernehmen, Rainer knirscht unhörbar mit den Zähnen.

Bislang haben wir keine Rollen verteilt, was die Wegführung angeht. Es ist lediglich so, dass nur ich über einen Kartenhalter auf dem Lenker verfüge und aufgrund meiner multifokalen Brille (superentspiegelt und Titangestell) in der Lage bin, auch während der Fahrt die Karte abzulesen. Die anderen beiden müssen immer erst ihre Lesebrille herauskramen. Nur ich sehe dann schlecht aus, wenn die Orientierung mal wieder versagt hat. So ist es auch jetzt.

Zu Thomas' Glück biegt der von ihm gewählte Weg bald in Richtung Westen um und führt schnurgerade - herrlich zu fahren immerhin - durch den Wald. Wir erreichen eine sternförmige Kreuzung, umstanden von alten Zypressen. Hier ist endlich eine Orientierungstafel aufgestellt. Wie erwartet sind wir zu weit nördlich, aber das lässt sich leicht korrigieren. Ganz so leicht zwar auch wieder nicht, der weitere Weg wird immer unwegsamer. Thomas muss schliesslich schieben. Endlich erreichen wir den Waldrand und eine auf der Karte wieder erkennbare Route.

Diese führt uns nun durch eine grüne Landschaft bergauf bergab, schliesslich mehr bergab zurück an die Loire zu dem Ort Onzain. Dort nehmen wir Quartier im Hotel Pont de Ouchet.

Wieder gönnen wir uns zum Diner ein Menue, als letzter Gang wird Käse (fromage) gereicht. Unerfahren in französischen Essmanieren leiste ich mir einen Fauxpas. Als die Bedienung mit der Käseplatte erscheint, greife ich zum Messer und schicke mich an, ein paar gehörige Streifen der dargebotenen Sorten abzusäbeln. So geht das aber nicht und meine Gefährten fallen mir in den Arm. Man muss auf vornehme Art mit dem Finger auf die gewünschten Sorten zeigen, und die Bedienung schneidet einem ein Streifchen herunter. Und mehr als drei Sorten gibt es auch nicht.

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