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Mittwoch, 7.7.

Diesen Tag nehmen wir uns für Berlin-Mitte vor. Zuerst geht es zum Kudamm, Regen und kalte Windböen vermiesen uns diesen einigermaßen. Der Kudamm besticht durch Einrichtungen wie H & M, C & A, Peek & Cloppenburg oder Mac Donalds. Das Cafe Kranzler wirkt mehr wie ein Fremdkörper.

Ich gebe meine Filme zur Schnellentwicklung ab, damit wir sie gleich herumzeigen können. Die Zeit bis zum Abholtermin der Bilder überbrückt man mit einem Bummel an der Gedächtniskirche, durch das Europacenter und das Kaufhaus KaDeWe. Im Europacenter ruft jemand hinter uns "Die sind bestimmt mit dem Fahrrad da!" Das ist Kollege H., der mit seiner Frau die Tour Schwerin, Rostock, Berlin, Dresden macht. Aber mit dem Auto. Um drei Uhr sei eine Führung durch den frisch aufgemöbelten Dom, erfahren wir.


Im Europacenter
Das Wetter ist scheußlich und wir sind froh, nicht mehr auf den Rädern zu sitzen. Endlich sind die Bilder fertig, mit dem einen Film sei etwas nicht in Ordnung, ob der überaltert sei. "Weiß ich auch nicht, den habe ich vor einer Woche in Wusterhausen gekauft".

Nun fahren wir in Richtung Unter den Linden. Mit dem 24 Stunden Ticket für alle Berliner Verkehrsmittel kann man völlig ungeniert herumgondeln. Unter den Linden regnet es, in einem Cafe wettern wir das ab. Als wir das Cafe verlassen, regnet es weiter.

Der Gang durch das Brandenburger Tor fühlt sich heute nicht mehr so historisch an. Für Heidi ist es aber das erste Mal. Vor dem Regen flüchten wir in den Reichstag, wozu hat man als Steuerzahler schließlich dessen Wiederaufbau finanziert. Im Reichstag ist eine große Dauerausstellung über Deutschlands Geschichte. Mittelalter, Preußen, Sturm- und Drang- und Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Weltkriege, Trümmerfrauen und Wirtschaftswunder, zuletzt die Wiedervereinigung genau hier auf dem Balkon. Nur die kurze Geschichte der DDR vermissen wir, vielleicht haben wir die entsprechenden Exponate aber nur übersehen.

Mit dem Bus fahren wir anschließend zum Alexanderplatz d.h. zwei Stationen zu weit, die wir wieder zurücklaufen müssen. Der Wind bläst um alle Ecken, da macht das nicht so richtigen Spaß. Vor einem Schuhgeschäft setzen sich die rollenden Auslageregale in Bewegung, ein paar Passanten werden fast überrollt. Die Straßenhändler haben ihre Auslagen mit Plastikfolien abgedeckt, da läuft heute nichts.

So stolpern wir bald in die nächste Ausstellung, "Der Traum vom anderen Deutschland" in der Marienkirche. Unter einem anderen Deutschland stelle ich mir in Gedanken eine ökologisch anders orientierte Gesellschaft vor. Die Erwartung ist falsch, es handelt sich um eine Ausstellung über den Widerstand im Nationalsozialismus und die Judenverfolgung. Da haben wir nun einiges absolviert, gestern Sachsenhausen, vorhin die Deutsche Geschichte und nun der Traum vom anderen Deutschland.

Als ob er das geahnt hätte, tritt plötzlich ein Reporter mit einem Mikrofon auf uns zu, er sei vom Westdeutschen Rundfunk. Was unser Eindruck von dieser Ausstellung sei. Da kann man mit gemessener Stimme den Bogen spannen mit dem Fazit, daß die Lehren aus der Vergangenheit nichts nützen, wenn man es heute nicht besser macht.

Ob wir jetzt wohl im Rundfunk kommen?

Nun ist es höchste Zeit für den Dom. Da ist mächtig was los, vor ein paar Tagen wurde er nach der Restaurierung wohl erst wieder eröffnet. Die Orgel spielt. Der Nachhall umfasse mehrere Akkorde, erklärt uns Werner später, dadurch sei die Akustik schwammig. Das Orgelspiel wirkt auch wie ein stetes Brausen. Alles andere blitzt nur so, hier muß erstmal wieder etwas Staub und Patina ansetzen. Alt sind dagegen die Sakopharge der ersten Preußenkönige. Ob mit oder ohne Inhalt wissen wir nicht.


Der Berliner Dom
Um die Ecke ist die Museumsinsel. Eine Touristenfamilie eilt vor uns einem ungewissen Ziel entgegen und fragt mehrmals nach dem Wege. Heidi besteht darauf, daß wir da hinterhergehen, das sei doch sicher interessant, was die suchen. So landen wir im "Pergamon Museum".

Taschen müssen an der Garderobe abgegeben werden, also auch mein Rucksack. "Eigentlich wollte ich ein paar antike Steinköpfe einpacken" sage ich zu der Garderobenfrau. "Wat woll'nse mit dem ollen Steinzeugs" antwortet die.

Gleich die erste Halle birgt den Pergamon Altar. Leider wirken die Figurenfriese eher wie ein großes Puzzlespiel, bei dem viele Teile fehlen. Man kann schnell berühmt werden, wenn man irgendwo auf der Welt ein Gesteinsfragment als der Pergamongruppe zugehörig erkennt. Das Teil wird dann auf den Namen des Finders getauft und in das Puzzle eingefügt.

Nebenan ist ein babylonisches Stadttor aus blauen Klinkern. Auch die sind aus lauter Scherben zusammengesetzt, eine mühevolle Arbeit sicherlich. Als Fachmann für das Verlegen von Terrassenfliesen schaue ich mir das ganze sachkundig an. Ebenso ein Original Bodenmosaik aus der Römerzeit.

Durch die Ausstellungsräume für die islamische Kultur gehen wir schon mit halb geschlossenen Augen und gähnend. Bei einigen Teppichen kann man genau nachvollziehen, wie sie aufgerollt im Wasser gelegen haben müssen und von außen nach innen vergammelt sind. "Wann ist hier Sperrmüll?" frage ich Heidi.

Abschließend klopfe ich mal vorsichtig auf eine der Pergamon- Figuren, um zu prüfen, ob die wohl auch aus Marmor sind. Schon werde ich angezischt: "Nicht berühren!!!" und ein Blick aus funkelnden Brillengläsern, daß man im Boden versinken möchte. Das war eine der aufsichtführenden Kellerasseln, die allgegenwärtig sind.

Als wir aus dem Museum herausschwanken, sind wir reif für einen Kaffee. Den nimmt man am besten im Nikolaiviertel ein. Auf dem Weg dorthin passiert man das alte Berliner Schloß, obwohl das gar nicht mehr existiert. Man hat es für eine Weile aus Plastikbahnen wiedererstehen lassen, dh. nur einen Teil seiner Fassaden. Man möchte den Berlinern den Wiederaufbau wenigstens der Fassaden schmackhaft machen. Das ist wieder eine Kostenfrage.


Schloßattrappe

Gerüstimpression
Das Nikolaiviertel hat man noch zu DDR-Zeiten zur 750-Jahrfeier Berlins wieder aufgebaut. Ehemals das Zentrum Alt-Berlins ist das nicht unbedingt geschmackvoll geraten, indem man Betonfassaden auf alt getrimmt hat.

Zum Abschluß des Tages soll es noch nach dem sagenumwobenen Kreuzberg gehen, wo die "Szene" ist, Trödler und Läden aller Art usw. Mit der U-Bahn fahren wir zum Moritz-Platz. Wir fragen einen jungen Mann, wo das eigentliche Kreuzberg sich befinde. Das kapiert er nicht. "Na, wo es am heißesten hergeht" bohren wir weiter. "Das ist .. da und da.., da heißt es Taschen festhalten" meint er nun. "Kann ich Euch helfen?", mischt sich ein freundliches Mädchen ein. "Wir wollen einen Bummel durch Kreuzberg machen, wo lohnt sich das am meisten?" Hoffentlich versteht man das jetzt. "Immer hier runter, Oranienburger Platz, da sind viele Geschäfte Kneipen und sowat."

Na dann mal los. Die Geschäfte sind meistens schmucke, von Türken betriebene Obstläden. In einem Trödlerladen fingert Heidi schon wieder an Zigarettendosen rum, die sind aber wohl nicht aus Silber, sondern aus Blech.

In den Kneipen sitzen schon etwas schrägere Typen, da bleibt man lieber draußen. Das ist alles. Wir wenden uns dann hoffnungsvoll noch mehr in Richtung Spree, aber da ist nur Industrie. Etwas enttäuscht von Kreuzberg, das wir wohl doch nicht richtig gefunden haben, laufen wir den Schlesischen Bahnhof für die Rückfahrt an.

Am Abend stimmt uns Werner mit einem Videofilm über Potsdam schon auf den folgenden Tag ein.

In der Nacht träume ich was von einer Rast, bei der wir das Gepäck nicht weit von uns an einen Baum gelehnt haben. Ein zweifelhaftes Individuum nähert sich und setzt sich neben das Gepäck. Mich durchzuckt der Schreck: nachher ist das ein Taschendieb. Ich werfe mich nach rechts, um das Gepäck in Sicherheit zu bringen. Da ist der Traum zuende. Mit ziemlicher Wucht knalle ich mit der Stirn gegen eine Schrankkante neben unserem Lager. Sogar ein Stockwerk tiefer wacht man auf. Mir wächst eine schöne Beule.

Nächster Tag