Eine Reise nach Rumänien oder: der Weg ist das Ziel

Wenn man nach Rumänien reisen will, so ist schon der Reiseweg ein Ziel, denn diese Anreise ist wie eine Perlenschnur, wo sich etliche Perlen aneinander reihen - wie wir sehen werden. Von den zu durchfahrenden Landschaften gar nicht zu reden. Meine letzte Reise im vergangenen Jahr von Dresden über Prag nach Schlesien hatte mir so viel Spaß gemacht, dass ich fürs erste Osteuropa treu bleibe und einen langen Winter Zeit habe, die Reise zu planen. Aber nachher kommt es dann im Detail doch immer anders, aber das ist ja der Reiz an der Sache. Und im wesentlichen ist die Reise dann doch so verlaufen, wie man es sich vorgestellt hatte.

Zu meiner Situation - ich oute mich jetzt als Senior: durch Altersteilzeit kann ich zum 1. Mai diesen Jahres nach 34 Jahren Arbeit meinem bzw. unserem (Heidi, Hund Otto oder seit zwei Monaten Enkelin Pauline und all die anderen sind ja auch noch da) Leben neue Inhalte geben. "Unser drittes Leben fängt an", sagen wir, als "freie Unternehmer", soll heißen: wir können unternehmen, wann und was wir wollen. Heidi bekommt zum Ausgleich zwei Wochen Türkei und Sonne spendiert. Nachdem das überstanden ist, genießen wir noch gemeinsam die ersten Ruhestandswochen, doch dann am Donnerstag nach Pfingsten geht es los, als freier Mensch in freie Länder, was ja auch lange Jahrzehnte nicht der Fall war...

1 Donnerstag, 19.5., Görlitz - Olszyna, 16/37 km

Am Morgen ist es 6° kalt, d.h. die Fahrt zum Bahnhof findet mit Handschuhen statt, die man ohnehin mitnehmen muss, falls man irgendwann in die fernen Karpaten kommen sollte. Hastiges Umsteigen in Stendal, also wieder nichts von dieser Stadt zu sehen gekriegt. In Berlin-Ostbahnhof ereignet sich dann leider ein Zwischenfall. Beim Anfahren des Zuges wird jemand verletzt, Notbremse, Vollbremsung und dann wird nach einem Arzt ausgerufen. Wenig später ist der Notfalldienst da und man versorgt den Verletzten. Lange Hälse im Zug. Mehr kann ich dazu nicht sagen, ich bin in solchen Fällen nicht so neugierig. Als es weiter geht, haben wir gehörig Verspätung. Der Zug heißt übrigens WAWEL und fährt von Hamburg über Liegnitz, Breslau bis Krakau. Da hätte ich eigentlich gleich sitzen bleiben können, aber dann wäre der Weg nicht das Ziel gewesen.

So ist der Anschlusszug der Lausitzbahn in Cottbus nicht mehr zu erreichen, der nächste fährt erst in zwei Stunden. Zeit genug für eine Bratwurst und eine Tour in die sehenswerte Innenstadt von Cottbus. Das ist insofern nicht so einfach, indem der Bahnhofsausgang "nach hinten" rausgeht. Gelegenheit, die erste Irrfahrt zu produzieren. Aber irgendwann findet man doch hin, über die Eisenbahnbrücke natürlich. Ein Foto gibt es nicht, denn diese Stadt gehört ja nicht zum Programm.

Schließlich sitzen wir im Zug nach Görlitz, ein gemütlicher Rentner sitzt mir gegenüber. Das ist ein alter Schlesier und der kann mir viel erzählen. Schlesien sei so groß wie Holland z.B. Und die Bevölkerung ist überaltert, vieles verfällt, weil die jungen Leute abwandern. Dann holt er auch noch packenweise persönliche Bilder aus den Taschen und ich bin gezwungen, sie mit nicht ganz ehrlichen Interessebekundungen zu betrachten. Doch ein Quartier irgendwo östlich von Görlitz bzw. Zgorzelec kann er mir nicht verraten, Görlitz wäre sogar ausgebucht, sagt er. Da kriege ich schon wieder Muffe.

Und nun ab die Post - es ist schon Spätnachmittag -, die Straße runter vorbei an dem ehemaligen Hotel Görlitzer Hof oder so, das steht immer noch in seiner Asche wie vor Jahren schon, als wir das letzte Mal hier waren. Auch Görlitz steht nicht auf dem Programm, obwohl es gute Chancen hat, Kulturhauptstadt 2010 zu werden. Bald bin ich am Grenzübergang, wo die Neiße überquert wird. Der übliche Kulturschock, sagen wir mal so: dieser östliche Teil der Stadt gehört nicht zum Weltkulturerbe. Ich finde die Nationalstraße 30, die genau nach Osten führt. Durch einen breiten Seitenstreifen stört einen der Verkehr kaum. Später schon eher, da gibt es keinen Seitenstreifen mehr, so etwa nach der Stadt Luban.

Aber die Landschaft ist herrlich in der Nachmittagssonne, zur Rechten das Riesengebirge, z.T. noch mit Schneeresten. Leuchtend gelbe Rapsfelder erfreuen das Auge. In dem kleinen Ort Olszyna erfreut mein Auge der Hinweis auf ein Hotel.  Nach Bunzlau kann ich heute nicht mehr fahren, nach bereits 37 km ist das zu weit. Damit ist mir die erste "Perle" leider unter den Tisch gefallen. In Hotel ZAULEK darf ich mit Euro bezahlen, denn ich habe noch keine Zlotys. Und zu essen gibt es Schweineroulade mit geriffelten Pommes. Zwei Bier dazu, alles zusammen incl. Zimmer kostet 20 EUR, ich bin begeistert. Der Ort ist ganz niedlich, ein Flüsschen windet sich zwischen den Häusern. Und aus der Kirche ertönt choraler Gesang. Da übt einer, wohl wegen der Akustik. Die Holzdecke ist bunt bemalt, sicherlich künstlerisch wertvoll.

Ich bin zufrieden mit dem ersten Tag der Reise.

2 Freitag, 20.5., Liegnitz, 100 km

Wir haben Kaiserwetter, d.h. keine Wolke am Himmel, nur ein leichter Ostwind. Heute fahre ich ziemlich im Zickzack, um auf Nebenstraßen dem Verkehr auszuweichen. Da geht es ganz schön auf und ab, mit immer wieder schönen Ausblicken auf das Riesengebirge. Es geht nacheinander durch die Städte Gryfow Slaski (Greiffenberg), Lwowek Slaski (Löwenberg), Zlotoryja Goldberg). In der letztgenannten Stadt hole ich mir tatsächlich die benötigten Zlotys am Bankomat. Um nicht auf der lebhaften Straße 364 nach Liegnitz zu fahren, biege ich in ein Seitental Richtung Jawor (Jauer) ab, da ist es ruhig. Man kommt an einem Stausee raus. Den umfahre ich wohl in der falschen Richtung und lande in Swary Jawor (Alt Jauer) und das ist ein Umweg, noch dazu auf einer holperigen Betonpiste. Und die letzten Kilometer dann doch mit Schwerlastverkehr auf der E 65. Vor Liegnitz eine elende Baustelle, und bis man dann die Innenstadt erreicht, ist man etwas genervt. Auch das Zentrum von Liegnitz ist eine einzige Baustelle, verleihen wir mal das Prädikat Perle mit Makel. Ich quartiere mich im Hotel Qubus ein, ein großer Kasten, nicht ganz so billig, aber von innen schön. Es gibt auch einen Wochenendrabatt.

Zum Essen geht es nach einigem Suchen in das 2 und es gibt eine Pizza frutti de mare, wie man das von mir kennt. Das Bier WARKA strong vom Fass kostet 5 Zl (1.30 EUR). Da schmeckt es einem. Das Lokal ist etwas geräuschvoll, weil sich viel Jungvolk eingefunden hat. Das hindert einen Tischgenossen nicht daran, konzentriert in einem Buch über Einstein zu lesen, "E=mc2 leicht gemacht" oder so.

Danach ein Blick in die Kirche, da ist gerade eine Messe und man darf die in sich oder sonstwas versunkenen Beter nicht stören. Anruf zu Hause mit der Bemerkung "Wir kommen gut voran". Böse Reaktion: das Wort "Wir" will man nicht hören. Als ob ich heimlich mit irgendeiner Tusse unterwegs wäre. Schön wär's ja (?).

3 Samstag, 21.5., Breslau, 100 km

Das Frühstücksbuffet bietet genau das, was ich mir immer wünsche, und das ist Lachs. Und was es sonst alles gibt! Da kann man gut gestärkt ans Werk gehen. Es soll über die Dörfer gehen, z. B. Rogocnik. Da finde ich aber nicht hin. Das liegt daran, dass ich mir eine Karte aus dem Internet besorgt hatte, auf der die kleineren Orte überhaupt nicht eingezeichnet sind. Außerdem sind die Straßen nicht gerade Rollbahnen, besonders in den Dörfern geht es meistens über Kopfsteinpflaster. Und die Route biegt zweimal um 90° nach rechts, das kann doch wohl nicht sein, da fährt man doch wieder zurück? Also lieber umkehren und 10 km verballert! An der Landstraße 94 weiß ich wieder, wo ich bin. Das GPS ist bei mir noch nicht erfunden.

Bei dem Ort Malczyce (Maltsch) gibt es eine schaurige Fabrikruine. Wenn man sich durch die Mauerreste zwängt, kann man ein Panoramafoto vom Inneren machen. Die nächste Stadt ist Sroda Slaska (Neumarkt). Da gibt es eine Gedenktafel wo das Wort hitlerowskim vorkommt, man muss mal sehen, ob sich der Sinn der Inschrift irgendwie entschlüsseln lässt.

Mein (Ex)Kollege Pawel K. hat das freundlicherweise perfekt übersetzt:
*"Zum 35sten Jahrestag *
*der Rückkehr Niederschlesiens zu Polen in Ehre denen,*
*die mit dem hitlerschen Angreifer kämpften*
*und die wiedergewonnene Heimat der Piasten aus den Ruinen hoben.*
*12 X 1980
Die Bevölkerung von (Ortschaft) Malczyc"*

Ich mache daneben Rast und schaue zwei Zeitgenossen zu, die auf ihre Weise auf dem Bordstein sitzend die Zeit totschlagen. Ein Foto aus der Hüfte: so, die habe ich im Kasten.

Die Landschaft ist nun flach und auf weiteren Nebenstraßen, die in die gewünschte Richtung führen, nähert man sich Breslau in Erwartung einer Stadtsilhouette voraus. Stattdessen ein Schild: Powiat Wroclawsk direkt an einem Rapsfeld. Dann kann es wohl nicht mehr so weit sein. Wenn man in eine größere Stadt hinein fährt, passiert man immer, und das ist überall so, hässliche Außenbezirke. Immer dem Hinweis "Centrum" nach oder in Richtung Kirchturm. Aber den Marktplatz (Rynek oder Ring) dieser Stadt kann man nicht verfehlen. Staunen! Da ist was los, es wimmelt vor Menschen. Auf meinem Panoramabild finden sich einige Schattenkreaturen, die eilig des Weges ziehen. In der Touristeninformation erkundige ich mich nach einem Quartier. Die lachen mich aus. "Hier gibt es doch auch ein Hotel Qubus" sage ich. Freundlicherweise ruft die zuständige Dame mal dort an und es ist natürlich ein Zimmer frei. Das Hotel ist gleich um die Ecke und jeder Radfahrer weiß, das hebt die Stimmung. Das Fahrrad kommt mit aufs Zimmer, weil es gut in den Fahrstuhl passt.

Wenn man anschließend das berühmt Rathaus umrundet, muss man darauf achten, nicht zu sehr mit offenem Mund vor Staunen herumzulaufen. Deshalb begebe ich mich in das Restaurant Peking. Wer mich kennt, weiß: ich liebe die regionale Küche. Danach finde ich einen Buchladen, da kann man nun endlich die notwendige Straßenkarte erstehen. Die wird dann später mit der Schere von allen Regionen befreit, in die man sowieso nicht kommt. So lässt sie sich leichter falten und man spart Gewicht, das auf einer solchen Reise stetig zunimmt, wenn man alle Straßenkarten, Stadtpläne, Prospekte, Flyer oder Eintrittskarten, Rechnungen und Quittungen mit sich führt. Noch eine unschöne Beobachtung, die nicht kennzeichnend für die Stadt Breslau sein soll, aber die Begebenheit hat sich nun einmal so zugetragen.

Da sind sich zwei ins Gehege gekommen, mitten auf dem Platz. Der eine eher schmächtig mit offenem Hemd und Goldkettchen. Der andere mit Muskeln bepackt, T-Shirt und Stiefeln. Ehe man sich versieht, klatscht es kurz und letzterer geht zu Boden. "Das kann nicht angehen" denkt der wohl, erhebt sich und geht erneut zum Angriff über. Und da kann man einen sehen, der seine Kampfsporteinheiten wohl erfolgreich gelernt hat: erneut zwei drei gezielte Schläge und der Muskelprotz wälzt sich schon wieder auf dem erlesenen Pflaster. "Das geht nun wohl doch an's Limit" mag er denken und zieht sich schmollend zu einem seiner Kumpels zurück. Der Sieger schüttelt sich nur kurz die Hände, leider ist aber sein Goldkettchen gerissen. Dann treffe ich noch auf eine Gruppe Biker (Motorradfahrer), die haben Schilder an ihren Fahrzeugen: Polen - Ungarn - Ukraine. Da mögen sie stolz drauf sein, aber ich bin stolzer.

Zurück im Quartier gibt es gut zu tun mit dem neuen Kartenmaterial (s.o.). Dann entdecke ich eine Perspektive, die vermitteln mag, meine Lenkertasche sei ans Internet angeschlossen. Je später der Abend, desto alberner die Gäste. Im übrigen ist mir klar, dass die "Perle" Breslau einen gewissenhafteren Aufenthalt verdient hätte, Dominsel und so. In meiner Unruhe scharre ich zuviel mit den Füßen und so wird es am nächsten Morgen gleich wieder weiter gehen.

4 Sonntag, 22.5., Kluczbork (Kreuzburg), 118 km

Um aus Breslau heraus zu finden, vertraut man sich am besten den Uferpromenaden der Oder an. Da lässt sich herrlich radfahren. Heute am Sonntagmorgen bei schönem Wetter finden dort allerlei Aktivitäten statt. Radler, Jogger, Skater, Hundeausführer, Angler und Kanuten rüsten sich. Am Himmel hängen sogar ein paar Fallschirmspringer. So geht es den Schleifen der Oder folgend in wechselnde Richtungen dahin, bis ich wieder mal nicht weiß, wo ich bin. Ich suche mir eine Landstraße, um ein Ortsschild auszumachen. Nach bereits 25 km verkündet das erste Hinweisschild jedoch, dass man nun gerade die Stadt Breslau hinter sich lässt. Da bin ich ja noch nicht weit gekommen, trotzdem war diese Oderpartie sehr schön.

Jetzt haben wir es mit den Maikäfern. Die meisten liegen zermatscht auf der Straße (Akazienallee). Aber einer fliegt auch schon mal ein Stückchen neben mir her. Hier gibt es auch viele bewohnte Storchennester. Ob die Störche auch Maikäfer fressen? Die Hühner mögen die Maikäfer wie nichts anderes, das weiß ich aus meiner Kinderzeit (dem "ersten Leben"). Aber Störche sind keine Hühner und klettern nicht auf Bäumen rum. Hühner allerdings auch nicht. Was einem Solofahrer eben so alles durch den Kopf geht!

In dem Ort Laskowice (Markstädt) ist gerade der Gottesdienst zu Ende und die festlich gekleideten Kirchenbesucher strömen ins Freie oder dem Frühschoppen entgegen? Ich sitze wohl mit meiner Fantaflasche hinter irgendeinem Busch. Nun geht es auf einsamen Straßen weiter, durch Wälder und Auen. Einmal gilt es eine Abkürzung auf unbefestigter Piste zu erproben, und das ist hinter dem Ort Rogalice (Rogelwitz). Wenn ihr mich fragt, wo ich die ehemaligen deutschen Namen her habe: vor vielen Jahren hat uns unser Neffe Henning mal die alten Vorkriegskarten der ehemaligen Ostgebiete besorgt, und da findet man alles wieder. An meiner Abkürzung finde ich in einem schilfbestanden Teich einen Sessel im Sumpf. Ob da ein Angler es sich gelegentlich gemütlich macht? Wasserdichte Hosen sind empfohlen.

Zum Abschluss für heute geht es durch ein Naturschutzgebiet mit dem Namen Stobrawsky Park Krajobrazowy, und da hieß es früher, glaubt es mir oder nicht: Forst Peisterwitz, Forst Bogelwitz oder Forst Poppelau. Der Fluss der Gegend heißt Strobrawa (Stober), und ein Ort hieß früher Carlsruhe, heute Pokoj. Und ein kleiner Ort heißt Paryz, und wenn man den mit Google recherchiert, kann man sich vor Eiffeltürmen gar nicht retten. Genug der Namen - es kommen noch genug -, die Landschaft ähnelt unserer Lüneburger Heide, da wo sie nicht Heide (wie z.B. am Totengrund oder Wilseder Berg) ist. Und nun sind wir unversehens in Kluczbork.

Gleich passiert man einen Sozialistenkasten, der einmal ein Hotel war. Mit angebautem Kongresspavillon. Deren Zeiten sind vorbei. Ein paar Passanten geben mir den Hinweis auf das Hotel am Rynek. Der Eingang ist allerdings auf der Rückseite. Da muss man erst mal drauf kommen. Vorne steht OTEL und hinten HOTE. Hier klaut wohl einer Buchstaben? Ein freundlicher junger Mann weist mich in ein nettes Zimmer ein. Speisen kann man gleich gegenüber auf dem Rynek, heute gibt es - oh wie überraschend - Pizza Mariana. Die ist mit Käse überbacken, zudem wird noch ein Topf Ketchup (man teilt mir mit: "Tomatensoße" - danke) gereicht, der wird da noch drüber gekippt. Danach hat man irgendwie einen dicken Bauch, das zweite Bier ist nur schwer zu schaffen. Also ein Rundgang danach.

Na, hier ist ja ordentlich was los. In den Wallanlagen findet ein Fest statt. Es singt gerade ein Kinderchor in Trachtenkostümen. Den Text verstehe ich nicht, aber die Melodie: "Ach Anneliese..". Da kann man mitsummen. Auch das nächste Lied kenne ich aus meiner Studentenzeit in Stuttgart (übrigens dem "zweiten Leben"). Das fängt an: "Droba auf dr rauhe Alb, juppheidi, juppheida...". Auch hier wird sich der Text auf polnische Weise anders darstellen. Meine Erinnerungen an dieses nicht ganz stubenreines Lied funktionieren noch, und wenn ich einen Vers zitieren darf, dann nur in Kleinschrift:

Droba auf dr rauhe Alb, jubheidi, jubeida,
was machet da die Gipser all, jubheidi heida
Hier a Spritzer, da a Spritzer, gibt all wieder a neue Gipser,
jubheidi und jubeida, Schnaps ist gut für Cholera ...
usw. (findet man auch mit Google unter "Rauhe Alb", diesen Vers allerdings nicht...)


Die weiteren Lieder  - wahrscheinlich Volkslieder - sind mir nicht bekannt, doch es kann einen womöglich zu Tränen rühren. Wie bei allen Festen auf der Welt stehen auch ein paar Figuren herum, die haben sich an anderen flüssigen Nährmitteln orientiert, aber das kennen wir auch von zu Hause, da heißt sowas z.B. "Waschefest". Dann wandelt man noch an einer Galerie von überlebensgroßen Holzfiguren vorbei, gnomhafte Gestalten von einem wahrscheinlich ansässigen Künstler geschaffen.

5 Montag, 23.5., Czestochowa, 75 km

Weiter geht's - soll ich mal was über das Wetter sagen? Sagenhaft! Und den Wind? Den gibt es gar nicht, die Nationalflaggen an den örtlichen Gemeindeverwaltungen hängen schlaff herum und gelegentliche Rauchsäulen steigen senkrecht auf. Das ist nun nicht mein Verdienst, aber man kann es genießen und kommt flott voran. Nur die Straßenverhältnisse sind nicht ganz optimal, es gibt schon etliche Schlaglöcher, in die man besser nicht hinein fällt. Der einzige größere Ort auf der heutigen Strecke heißt Olesno (Rosenberg). Ein Foto von der Kirche und eines von der arbeitenden Bevölkerung, der ich nun nicht mehr so richtig angehöre. Gemein ist das ja irgendwie. Die weitere Strecke auf der Landstraße 494 ist landschaftlich weniger reizvoll. Auf der Route wird nun irgendwann (noch ein paar weitere Namen) die ehemals existierende Grenze zwischen Schlesien und Polen, heute Woj. Opolske und Woj. Slaskie passiert. Die Grenzorte heißen Bodzanowice (Grunsruh) und Podleze Szlacheckie. Und für diesen Ort gibt es keinen ehemaligen deutschen Namen mehr.

Da kann man ja mal seine Sprechwerkzeuge strapazieren, um die Aussprache zu üben. Ich komme nicht einmal mit dem üblichen Gruß zurecht, der heißt "Dobre". Was immer das heißen mag. Irgendwann wird mir auch das erklärt, es heißt "Gut". Aus meinem zweiten Leben in Stuttgart kenne ich den Ausspruch "A Guate!", aber der bezieht sich mehr auf das Essen (Guten Appetit). Dermaßen verunsichert begnüge ich mich beim Grüßen (wenn es schon dazu kommt) auf Hello! oder Hei! oder Winken, das wirkt am besten.

So radelt man vor sich hin, die heutige Etappe ist kurz, und gegen Mittag taucht ein hoher Kirchturm voraus auf. Man rollt hinein in die heilige Stadt Polens, wo der gerade verstorbene Woytila allgegenwärtig ist, die schwarze Madonna Millionen von Pilgern auf mühseligen Wegen anreisen lässt. Ich begebe mich in die Touristen Information und bekomme - oh Wunder - ein Quartier in der Pilgerherberge vermittelt. Die nennt sich Dom Pielgrzyma. Aber bis ich dahin finde, stolpere ich wohl durch etliche Klosteretablissements, bis mir einer den richtigen Weg weist. Ich bezahle gleich mit meiner Visa Card von der VW-Bank (70 Zl) und finde mich dann in einem Zimmer wieder, da könnte ja gleich der leibhaftige Papst (Stefan Raab: "Ratze") einziehen. Die Bettdecke ist in der ansprechenden Purpurfarbe gehalten, über dem Kopfende des Bettes prangt ein Konterfei der Schwarzen Madonna. Nehmt es mir nicht übel, aber nun muss ich mich doch erst mal legen und alles überdenken. In der Touristeninformation habe ich noch etwa wertvolles erstanden, das ist eine detaillierte Karte 1:95000, in der ist eine Radroute Czestochowa - Krakow eingezeichnet.  Der Titel ist "JURA Krakowsko Czestochowska". Nun herrscht über den Weiterverlauf der Tour kein Zweifel.

Auch das eher profane Hemden- und Sockenwaschen ist angesagt. Es war heiß heute. Irgendwann komme ich wieder zu mir. Die örtlichen Verhältnisse sind so: die Wallfahrtsanlage Jasna Gora liegt auf einem Berg über der Stadt. Eine schnurgerade Straße zieht sich dort hinunter, an deren Ende ein rot-weiß geringelter Schornstein die geheiligte Szenerie weniger sakral abschließt. Will man von der Pilgerherberge dort hinunter wandeln, kommt man notgedrungen an der Kirche mit der Schwarzen Madonna vorbei und kann sich nicht enthalten, dort auch hinein zu schauen, wozu ist man schließlich hier. Wenn man die heilige Stätte betritt (Fotografieren verboten), muss man sich unbedingt dem Verhalten der anwesenden Pilger anpassen. Ich befinde mich gerade inmitten einer ehrfürchtigen Gruppe, die unversehens auf ein geheimes Kommando von oben oder sonstwo her auf die Knie fällt. Da kann man schlecht als Antichrist wie ein Turm in der Brandung stehen bleiben. Und so falle auch ich auf die Knie, hocke vor der Schwarzen Madonna wie ein Pilger, wer hätte das gedacht? Dafür werden wir in zwei Tagen in Krakau die Engel singen hören - da freut euch schon mal drauf!

An den Wänden der Kathedrale befinden sich unzählige silberne Plaketten mit Pilgerwidmungen, Vorhänge von Bernsteinketten und - wie in Lourdes, der Partnerstadt dieses Ortes - Krücken von anscheinend wundersam geheilten Lahmen und Siechenden. Die schwarze Madonna selbst ist nichts weiter als eine Ikone, uralt anscheinend, Wahrzeichen sind ein paar Narben auf der Wange der Madonna, das kleine Jesuskind unter den Arm geklemmt, Heiligenschein inbegriffen. Gerade robbt einer auf Knien um das Allerheiligste herum, was mag der sich davon versprechen? Es sind auch viele Familien mit einem Kommunionskind da, die kleinen Mädchen sind hübsch weiß gekleidet und tragen Blumen in den Händen.

Als erstes begebe ich mich in ein Internetcafe, das erste Mal und etwas aufgeregt. Die halbe Stunde in dem schummrigen Etablissement kostet nur wenige Cent (umgerechnet). Und es klappt, ich kann eine Email nach Hause absetzen, dass es mir gut geht in der Pilgerherberge usw. So spart man einen Anruf. Im übrigen hat die Stadt nicht viel zu bieten. Längs der Magistrale mit dem Namen Aleja Najswietszej Panny ist ordentlich was los, in den Seitenstraßen wird es schnell ruhiger. Am Ende gerate ich noch in einen ausgedehnten Trödelmarkt mit einem bunten Treiben. Was ich eigentlich suche: ein schönes Restaurant, das bleibt mir verborgen. Nur Pizza essen, das kann man überall - aber ich denke: nicht schon wieder!

So erkunde ich die Angelegenheit, ausgehend von der Jasna Gora, und lande dann in einem vornehmen französisch/russischen Restaurant, alle Tische festlich eingedeckt. Hier kann man Kaviar bestellen oder auch Haisteak. Ich bin der einzige Gast, also bemüht man sich geflissentlich. Erst mal ein Bier, und das heißt "La Reserve Maitre Kanter", 6.1% und wird in einer dickbäuchigen verzierten Flasche gereicht. Als ich nachher die Zeche bezahle, stellt sich heraus, dass das Bier allein mit 20 Zl (6 EUR) zu Buche schlägt. Zum Glück habe ich es heute bei einem Bier belassen. Leider habe ich nicht notiert, was ich gegessen habe und jetzt fällt es mir nicht mehr ein. Lag wohl an dem Bier, aber das war lecker.

Am Abend gibt es ein starkes Gewitter, aber da sitze ich schon sicher in meinem Heiligtum und schaue dem herabprasselnden Regen aus dem Fenster zu. In den Gängen der Herberge laufen immer wieder Gruppen hin und her, und einmal vermeine ich vor meiner Zimmertür den Satz zu vernehmen: "Da schläft Volkswagen". Vielleicht wegen meiner Visakarte von der Volkswagenbank? Vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet.

6 Dienstag, 24.5., Olkusz, 105 km

Bevor ich losfahre, mache ich noch ein Bild von der Schwarzen Madonna, aber das ist nur ein Konterfei und draußen am Gebäude angebracht. Leider ist das Bild unscharf, aber man findet im Internet Bilder der Dame in allen Variationen.

Von der heutigen Tour verspreche ich mir viel. Sie führt durch den besagten Jura. Da befinden sich unzählige Felsklippen und schroffe Erhebungen, manchmal ist sogar eine Burgruine oben drauf. Leider spielt heute das Wetter nicht mit, es ist sehr diesig und man kann nicht fotografieren. Es nieselt, aber es herrscht Rückenwind. Die Kamera wandert heute aus der exponierten Lenkertasche in die Gepäckabteilung, und das ist gut so, denn die Wege werden sich heute nicht so optimal präsentieren. Den Anfang macht ein Schotterweg durch einen Wald. Mitunter muss man aber auch schieben, weil es zu sandig wird.

So geht es wie oft in solchen Fällen, man folgt dem ausgeschilderten Radweg eine Weile, doch wenn sich dann eine günstige Landstraßenverbindung anbietet, zieht man diese dann doch vor. Z.B von Zarki nach Podlesice, wer es genau wissen will. Dann probiere ich es noch einmal mit der Radroute, und da gerate ich wieder auf eine regelrechte Querfeldeinstrecke - nicht durch Felder, sondern steil bergauf durch einen Wald. Das Fahrrad muss teilweise getragen werden. Wie weit kann man auf diese Weise heute überhaupt kommen? Als es wieder bergab geht, wird die Strecke etwas besser und man findet sich unversehens an einem Hotel in dieser gottverlassenen Gegend wieder. Es handelt sich um das Ausflugsziel Zamek Morsko, auch hier ein Felsenberg mit einer Burgruine. Nun ist Schluss mit lustig und ich fahre schließlich den Rest bis Olkusz auf der Landstraße 791.

Noch eine Rast im Wald mit einer Schokolade, die noch von zu Hause stammt. Die heißt "Kernbeißer" und ist mit ganzen Nüssen versehen. Das bekommt einem meiner verbliebenen Zähne schlecht (Eckzahn unten links). Aber der hatte schon länger gewackelt. Noch ein Zwischenfall: vor mir stehen auf der Straße zwei Autos und ein paar Gestalten gestikulieren, ich solle anhalten. "Stop, Dobre" rufen sie. Falls die Hilfe brauchen, bin ich - weiß Gott - der falsche, ich habe weder Wagenheber noch Abschleppseil dabei, und blitzartig fällt mir ein, dass das auch ein Trick sein könnte, um sich mal eben die Lenkertasche oder sowas inspizieren zu lassen. Also rausche ich vorbei, obwohl ich wenig Chancen hätte, wenn die wirklich etwas von mir wollten. Das ist wohl nicht der Fall, in einem der nächsten Orte werde ich von den beiden Autos überholt und bin dann auch bald in Olkusz.

Auf dem Ring bzw. Rynek ist vor dem Rathaus ein Stadtplan. Da sind etliche Hotels eingezeichnet. Zwei davon finde ich nicht. Zurück zum Stadtplan, und da ist noch eins gleich um die Ecke, Motel Victoria. Da komme ich gut unter. Zu essen gibt es Chinesisch Huhn, lecker. Dazu schöne Musik, z. B. "Mississippi roll along" doch wenn ich mich nicht irre, nähern wir uns nicht allmählich der Weichsel? Nach zweimal "Desperado" (Baccara) breche ich zu einem Rundgang auf. Die Stadt bietet aber nicht viel doch es herrscht ein reges Leben.

Am Abend repariere ich erfolgreich eine Hosennaht (das Knie guckte raus) mit Sekundenkleber. Aufpassen mit den Fingern, die kriegt man sonst nicht wieder auseinander. Auch die Augen sollte man sich nicht zukleben - steht auf der Packung, aber das tut man dann denn doch nicht...

7 Mittwoch, 25.5., Krakau, 60 km

Wir fahren heute weiter entlang der Radroute, aber meistens irgendwie parallel dazu, um den schlechten Wegstrecken aus dem Wege zu gehen. Das Wetter ist wieder optimal. Die nächste Stadt heißt Krzeszowice, wieder ein Gaumenbrecher. Übrigens plagt mich der Zahn und ich fürchte um eines der größten Vergnügen beim Radfahren: dem abendlichen Essen. Hinter Krkretschowitze ist eine Bahnlinie zu überqueren, die Schranken sind geschlossen. Die Fußgänger und Radfahrer schert das wenig, sie kriechen unter der Schranke durch. Dann kann man das ja auch so machen. Dann geht es in den Wald, und da ist schon wieder eine Schranke. Ein Bauarbeiter mit Sprechfunkgerät steht außerdem davor und verweigert einem die Durchfahrt. Mangels sprachlicher Verständigung vermittelt ein "Bum Bum!" mit entsprechender Geste die Erkenntnis, dass es sich um eine Sprengung in der Nähe handelt. Er zeigt auch auf die Uhr, das wäre dann in 10 Minuten. Da kann man warten. Bald grummelt es dann auch irgendwo, leider kann ich nicht mitteilen, um was für eine Sprengung es sich gehandelt hat. Die Schranke wird geöffnet.

Am Ende des Waldes geht es erst unter einer Autobahn durch und wenig später drüber weg. Eine schöne Landschaft rings umher. In der Ferne kann man auch etwas erkennen, was die Stadt Krakau sein könnte. Es dauert dann noch eine Weile, bis man dort die Randgebiete durchfahren hat, schließlich aber landet man auf dem berühmten Platz Rynek Glowny im Zentrum. Das ist ein Ameisenhaufen, wo die Menschen hin und her eilen, wo sie wohl alle hinwollen? In den Freiluftrestaurants sitzen die Gäste und sonnen sich. Mitten auf dem Platz steht das Rathaus - nein, es sind die ehemaligen Tuchhallen, dort befindet sich auch die Touristeninformation. Quartier gebe es keins, alles voll. Ob das stimmt, weiß ich nicht, denn die wollen mir auf eigene Faust ein Appartement vermitteln. Das hat seinen Preis, den ich lieber nicht nenne, aber ich füge mich drein, ich bin in einer Notlage. Deswegen lasse ich mir auf dem Stadtplan auch zwei Zahnärzte markieren. Geld muss ich in dieser Situation nun auch noch aus dem Bankomat besorgen (Deutsche Bank) und dann bringt mich einer mit den Schlüsseln zu dem Appartement. Ein netter Bursche, er studiert und verdient sich in der Info sein Geld. "You must have much time" sagt er, als ich von früheren Radtouren berichte. Die Zeit habe ich, aber erst jetzt.

Das Appartement (Ul. Grodzka) ist wirklich Superklasse und seinen Preis wert - wenn man es mit mehren Personen bewohnen würde. Da könnte man zwei Familien unterbringen. Aber ich bin nur ein Einzelmann. Nach dem Duschen wird nicht lange gefackelt und ich mache mich auf zu der nächsten Zahnarztpraxis, die müsste in der Nähe des Wawel sein. Damit erfahren wir auch, was der Wawel ist. Es ist das Königsschloss, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Kein Interesse heute, aber die Zahnarztpraxis ist an der im Stadtplan markierten Stelle nicht aufzufinden. Ich bereite mich innerlich schon vor auf einen Abbruch der Tour und Rückfahrt mit dem schönen Zug Wawel Richtung Hamburg. Da ist aber nun eine Turist Agency (Reisebüro) oder so, und da kann man ja mal fragen. "I need a doctor for my teeth" sage ich und fasse mir an den Mund. Ja, da sei gleich um die Ecke ein 24 h (rund um die Uhr) Cardiologie Zentrum. Tatsächlich, neben einer Kirche (Augustianska). Nun stolpere ich hinein, in diese Einrichtung. Gleich in ein Behandlungszimmer. Da geht es zu wie beim Friseur. In jeder Ecke steht ein Behandlungsstuhl und die Delinquenten leiden unter surrenden Bohrern. Eine Dame expediert mich sogleich da wieder raus, immerhin kann ich noch durch Gesten und "I need help" meinen Wunsch vermitteln.

Kaum im Wartezimmer, da sitzen schon drei andere, werde ich schon wieder in ein separates Behandlungszimmer gebeten. Zwei Damen kümmern sich sogleich um mich, leider können wir sprachlich nicht so gut kommunizieren, die Damen radebrechen nur mühsam in Englisch. Aber die Sache ist einfach zu beurteilen: der Zahn muss raus, wir einigen uns auf das Wort "Extract". Es muss aber auch noch geklärt werden, was mit dem Ersatzteil geschieht, das ohne die Eckzahnbastion nur schlecht funktionieren würde. "Prothese Specialist, one hour" - wenn das nichts ist, damit war ja gar nicht zu rechnen. Nun nehmen die Dinge ihren Lauf, Anästhesie, ob Allergie oder Hypertonie? Hab ich nicht! Also die Spritze, die soll nach 10 Minuten die Betäubung bewirken. Ich werde dann gefragt, ob sie auch wirkt und nicke mit dem Kopf, obwohl es nur leicht kribbelt in der Unterlippe. Von früheren Begebnissen weiß ich, dass man eigentlich das Gefühl haben müsste, die halbe Gesichtshälfte hänge einem herunter. Dann kommt die Zange. Geruckel und ein Ruck. Und nun höre ich die Engel singen!!!  Die Dosis der Anästhesie hat die Ärztin wohl aus Vorsicht vor einem Kollaps bei einem so herein gestolperten Patienten auf das Minimum beschränkt. Aber die Sache ist vorbei, Tupfer, und der Engelchor ebbt so langsam ab bzw.: wie schön, wenn der Schmerz nachlässt. Dann darf ich mich für 20 Minuten wieder in das Wartezimmer setzen.

Dann wird ein fachgerechter Plastiline-Abdruck der Unterkieferangelegenheit angefertigt und ich werde für eine Stunde entlassen. Die führt mich zurück in das Appartement, wo ich zwei Schmerztabletten zu mir nehme und mich erst mal lang mache. Dann wieder in die Praxis, das Ersatzteil ist inzwischen perfekt ergänzt und sitzt besser als zuvor. Ich bin wieder ein Mensch!!! Nun bekunden mir die Damen, dass ich ja auch für die Sache bezahlen müsse und schreiben einige Zahlen auf ein Blatt Papier. Ich verstehe das nicht, mit den Zahlen kann ich nichts anfangen. Und dann stimmt es doch: das Extrahieren kostet 20 EUR, die Ersatzteilergänzung 15 EUR. Das ist ja nicht zu fassen! Bei uns wird immer ein Kostenvoranschlag gemacht, den die Krankenkasse genehmigen muss, und dann zahlt man immer noch ein Vielfaches der eben genannten Beträge dazu. Ich bedanke mich überschwänglich, und - wieder in Freiheit - reibe ich mir die Augen, man könnte heulen vor Glück. Leider komme ich nicht auf die Idee, den Damen abschließend noch einen Blumenstrauß zu bringen, nun habe ich hoffentlich doch meinen Dank auf diesem Wege zum Ausdruck gebracht.

So, das war etwas ausführlich, verständlich, oder? Jedenfalls ist mir meine Unterkunft auf einmal nicht mehr zu teuer, außerdem wird das Abendessen eingespart, eine Krakauer Wurst ist leider nicht drin. Ein abendlicher Rundgang in dieser sehenswerten Stadt - die größte Perle der Tour und die goldene Palme ist damit verliehen. Obwohl noch viele Perlen auf uns warten. Ich hoffe ihr kommt weiter mit!

Den Rest des Abends lassen wir es ruhig angehen und man ernährt sich flüssig. Bier hat auch Kalorien, da braucht man sich um die Bettschwere dann irgendwann keine Sorgen mehr zu machen. Im Radio höre ich dann auch noch die Schlager: The Lion sleeps tonight..., I am sailing... oder What a wonderful World...

8 Donnerstag, 26.5., Nowy Targ, 94 km

Die Schlüssel meiner Unterkunft muss ich wieder in der Touristeninformation abgeben, die öffnet leider erst um 9 Uhr. Schön wär's ja, aber es ist um die genannte Zeit noch keine Menschenseele anzutreffen. Schließlich taucht eine Dame auf und der übergebe ich die Schlüssel. So kann ich erst um 9.15 losfahren, bei dem blauen Himmel scharrt man natürlich wieder mit den Füßen. Aus einer so großen Stadt wie Krakau ist nur schwierig herauszufinden. Ich vertraue mich einer sechsspurigen Autobahn an, wo einen der Verkehr kaum belästigt, weil genügend Platz ist. Die Richtung scheint zu stimmen und ich komme dann wohl in der Stadt Wielczka raus, von wo aus eine ruhige Straße mit der Nr. 964 weiter nach Süden führt.

Nach ein paar Steigungen und holperigen Abfahrten kommt dann schon wieder eine Straßensperre. Ein Polizist leitet den Verkehr um. Mir erklärt er wortreich, warum und wieso und wolang. Da ich kein Wort verstehe, gucke ich immer dümmer drein. Zum Glück versage ich mir die Körpergeste für eine Sprengung (wie gestern), denn sonst hätte man mich wohl kaum nach der Dummguckerei durchgelassen. Nach der zustimmenden Geste des Polizisten mache ich mich eilig um die nächste Kurve davon. Im nächsten Ort klärt sich die Sache: Hunderte von Menschen nehmen andächtig an einer Prozession teil. Trachten und Uniformen, ein Hochwürden unter einem Baldachin, und da wird mir klar: heute ist Fronleichnam. So stehe ich unversehens inmitten einer Prozession und bin so frech, ein Foto aus der Hüfte zu schießen. Dann ziehen sie alle unter Gesängen an einem vorbei - ich bekomme eine Gänsehaut oder sowas!

Als die Strecke wieder frei ist, geht es nach Dobczyce und dann das Tal an dem Fluss Krzywsorzeka (das versuche mal einer auszusprechen) hinauf. Reines Genussfahren! Am Ende des Tales muss man über eine Passhöhe und hat dort einen herrlichen Rundblick über die Beskiden, so heißen hier alle Bergzüge. Nach einer Abfahrt stößt man auf die Hauptstraße 28 nach Rabka Zdroj. Von dort kann man dann wieder eine Nebenstraße finden die das Tal Poni Czanka hinauf führt. Hier fällt einem erst mals ein eigenartiger Baustil auf: die Häuser haben sonderbare Spitzgiebel. Schließlich steigt die Straße immer steiler an, bald wird sie nicht mehr fahrbar und dann zu einer regelrechten "Killersteigung" (25% vielleicht). Schieben und Fuß vor Fuß setzen ist angesagt, das kennt man ja, Schwitzen. Hinter jeder Kurve erwartet man "die Kante", aber sie kommt und kommt nicht.

Es kommt ganz anders. Man trifft am höchsten Punkt auf die Hauptstraße 47, so hat man den Höhengewinn verkehrsfrei bewältigt und kann nun mit dem starken Verkehr (viele Reisebusse) wenigstens bergab fahren. Aber noch eindrucksvoller: voraus liegt ein felsiges Hochgebirge mit Schneefeldern, und das ist die Hohe Tatra, das kleinste Hochgebirge der Welt - wie es heißt.

Anmerkung über Beskiden und Inselsituation dieses Gebirges

Trotz dieser schönen Aussicht und auch wegen der knapp überholenden Reisebusse muss man sein Augenmerk verstärkt auf den rechten Straßenrand richten, wo so manches Schlagloch droht, denen man schlecht ausweichen kann, wenn man gerade knapp überholt wird. Na ja, es geht bergab und man rollt hinunter in die Stadt Nowy Targ. Da ist bald das Hotel Limba in der Nähe des allgegenwärtigen Rynek gefunden. Ein fideler Knabe steht staunend in der Tür, weil da lange Warteschlangen vor dem gegenüberliegenden Eisstand (LODY) auf ihr Fronleichnams-Eis hoffen. Und ich dachte, das sei ein Kino.

Der fidele Knabe heißt Robert und versieht den Hoteldienst. Wieder bin ich so glücklich, so fein unterzukommen, für 10 EUR. Leider ist festzustellen, dass am Hinterrad meines Sykkel (Fahrrad) aus Stord Norwegen - hallo Terje-, eine Speiche gerissen ist, zum Glück auf der guten Seite, d.h. nicht auf der Ritzelseite.  So muss vor dem Duschen diese Angelegenheit erledigt werden. Vier Ersatzspeichen führe ich mit. Kein Problem, "You are fast" sagt Robert und ich sage in "Lübke Englisch": "I did it not for the first time". Er könnte nun auch in gleichem Stil antworten: "That overrushs me".

Bedenken bleiben trotzdem, wenn nun eine Speiche nach der anderen reißt, kommt man bei drei verbliebenen Ersatzspeichen auch nicht so weit. Und die Straßenverhältnisse sind eben nur suboptimal. Und das gestern ein Gast da war, der zu Fuß aus Deutschland gekommen sei, das erzählt mir mein Robert auch noch. Essen gibt es im Restaurant gegenüber, leider habe ich das Gericht nicht protokolliert, aber es war keine Pizza. Jedenfalls wohl ein Gericht, an dem man nicht zu schwer zu beißen hat.

9 Freitag, 27.5., Bardejov, 124 km

Eigentlich sollte es an dem Fluss Dunajec weiter gehen, aber ich gerate auf eine Straße (49), die in südliche Richtung genau auf die Felsenpartien der Hohen Tatra zuführt. Das ist ja auch nicht schlecht - bei der Aussicht!  Um meinem (groben) Plan zu folgen, geht es dann doch irgendwann links ab, das heißt Richtung  Osten.

Kopfschirm
Eine Reise in Richtung Osten und Süden hat den Nachteil, dass man in den Morgen- und Vormittagsstunden der Sonne entgegen fährt und dabei die für das Fotografieren gut beleuchteten Szenen oftmals nur im Blick zurück erhascht. Außerdem blendet es mitunter, deshalb kann ich auf einen Kopfschirm bzw. Baseballmütze nicht mehr verzichten. Dass ist auch gut gegen Sonnenbrand, der bei mir sogar unter den Kopfhaaren entstanden war. Den Sonnenbrand auf Armen und Oberschenkel pflege ich mit Penatencreme(!) zu behandeln. Was einem Kinderpopo gut tut, hat auch seine Wirkung auf die von der Sonne strapazierte Haut.

Die Strecke ist so gut wie verkehrsfrei und führt über Orte wie Lapsze Wyzne oder Lapsze Nizne. Auch ein Berg ist zu überqueren, dann rollt man hinab zu dem Stausee des Flusses Dunajec, und dort ist der Grenzübergang in die Slowakei. Danach wird an der nächsten Wechselstube die Geldbörse geleert und das restliche polnische Geld in Slowakische Kronen umgetauscht. Der Kurs ist etwa 1:10, d.h. die Kronen haben  also eine Null mehr aufzuweisen.

Gleich hinter der Grenze begleitet mich - zumindest akustisch - mal wieder ein Kuckuck. Der hat wohl keine Sprachprobleme, die Kuckucke hören sich überall gleich an. So auch der Pirol mit seinem Ui-U-Io. leider ist dieser gelbe Vogel, der bei uns wohl schon selten ist, aber auch nicht zu Gesicht zu kriegen. Später sehe ich noch eine Bachstelze mit gelber Brust, mal sehen, wie dieser Vogel heißt.

Es handelt sich offenbar um die Schafstelze, oder Gebirgsstelze, die beide in Mitteleuropa und auch in den Balkanländern vorkommen.


Unterhalb des Stausees herrscht ein reger Floßbetrieb, wo die jauchzenden Touristen in Shorts und mit Sonnenhüten sich von landesüblich(?) gewandeten Flößern den Fluss hinunter staken zu lassen. Sie erreichen erstaunliche Geschwindigkeiten: bis 15 km/h, das kann man ermitteln, indem man auf der Landstraße nebenher fährt. Diese ist übrigens in vorbildlichem Zustand, ein Umstand, der einem an allen Grenzübergängen auffällt. Vielleicht sind da schon EU-Mittel geflossen. Nach angenehmer Fahrt verlassen wir nun das Tal des Flusses Dunajec und fahren auf der Straße 543 nach Star Lubovna. In einem Dorf kann man von der Hauptstraße über die Dorfdurchfahrt abbiegen und findet sich schon wieder in einer anderen Welt. Da sind hübsche kleine Häuschen. Als ich mir einen Rastplatz gesucht habe, tritt eine ältere Frau aus ihrem Hoftor, mit Kopftuch und Leggins, die fast bis unter die Achselhöhlen reichen. Sonst trägt man wohl noch einen weiten Rock darüber, aber sie weiß ja nicht, dass da ein vor sich hinkauender Radler, von weit her angereist, Eindrücke sammelt. Auf ein Foto verzichte ich. Als ich ein paar Häuser weiter aber einen Schuppen fotografiere, läuft mir ein Mann mit nacktem Oberkörper und Handkarre ins Bild, das war gar nicht vorgesehen.

Wir begeben uns auf die Strecke 68, die direkt nach Presov führt und leider stark befahren ist. Eine andere Alternative ist die Straße in Richtung Bardejov, und ich meine gelesen zu haben, dass das einer der schönsten Orte hierzulande sein soll. Außerdem sind das 11 km weniger und auf der Straße 77 dorthin herrscht nur spärlicher Verkehr. Es muss noch einmal das Tal gewechselt werden, das bedeutet eiene Steigung zu bezwingen, dann kann man an dem Flüsschen Topla hinab rollen. Es zeigen sich auch die ersten Zigeuner und deren Behausungen, die sich meistens an den Ortsrändern zu befinden scheinen. Einmal geht einer am Straßenrand mit einem kleinen Mädchen und einem kleinen Jungen an der Hand am Straßenrand entlang. Außerdem schiebt er noch eine Karre mit drei weiteren Kindern vor sich her. Was für ein tolles Bild wäre das, aber im Reiseführer steht, Zigeuner sollte man um Himmels willen nicht fotografieren, sie würden dann glauben, man stiehlt ihnen ihre Seele. Also lässt man's lieber.

Wir kommen für heute in Bardejov an, und da kann wohl kein Besucher enttäuscht sein. Es gibt einen herrlichen zentralen Platz mit Rathaus und Kirche. Die Hausgiebel sind alle vorbildlich restauriert, als wenn man hier das Verschönern der Häuser in der Volkshochschule lernen würde! Also gleich ein Panoramabild in der Nachmittagssonne. Nun muss ich mal wieder eine Unterkunft suchen. Gleich hinter der Kirche ist ein großer Kasten und da steht HOTEL dran. Ein junger Mann vor der Tür folgt mir, wie ich da erwartungsvoll Rad und Gepäck hinein schiebe. Was er mir anbieten könnte? Es handelt sich um eine Bar, Hotel - das war einmal. Mit meinem Rad an der Bar einen trinken, das wäre ja nicht schlecht, aber eigentlich hatte ich das nicht vor. Also schieben wir wieder raus und der junge Mann zeigt in eine Richtung, wo eine Unterkunft zu finden sei.

So werde ich für heute Gast der Pension Semafor, da ist alles erst kürzlich renoviert oder ausgebaut und entsprechend ordentlich eingerichtet. Nach dem Duschen treibt es mich zum Essen und der nette Herr Kaminski (Ingenieur) empfiehlt mir das Pizzalokal BELLO hinter der Kirche, gleich neben dem ehemaligen Hotel. Dort kann man auf einer überdachten Holzterrasse speisen. Es ist warm heute und viele Gäste bevölkern dieses und andere Freiluftrestaurants. Ich bekomme eine prima Pizza, aber leider, leider spielt das Messer nicht die Rolle, die ihm zugedacht ist. Da kann man nach Herzenslust säbeln und hebeln, das nützt alles nichts. Also versuche ich bei der Bedienung zu reklamieren, ob ich ein anderes Messer bekommen könnte. Da winkt sie nur ab, da hätte man kein besseres. Leider bin ich zahntechnisch nicht in der Lage, die Pizza einfach abzubeißen, wie es andere Gäste nach ebenfalls vergeblichem Herumsäbeln tun. So habe ich für den heutigen Abend nach der ganzen Strampelei auch etwas für die Armmuskeln getan.

Zurück in der Pension Semafor meint der nette Herr Kaminski, beim nächsten Mal solle man eines seiner Messer mitnehmen. Das merkt euch mal, liebe Leser, falls ihr nach Bardejov kommt, was zu wünschen wäre.

10 Samstag, 28.5., Kosice, 89 km

Eine hübsche junge Dame, die sehr nett mit den Augen klimpern kann, serviert mir das Frühstück (Spiegelei mit Schinken). Das wird die nette Frau Kaminski sein. Man hätte schon einmal Australische Radler zu Gast gehabt, und das seien alles Vegetarier gewesen...

Das Wetter hat sich so entwickelt, dass die übliche Fahrradkleidung wegen der Hitze nicht mehr angesagt ist, sondern in solchen Fällen genieße ich das Fahren in Turnhose und offenem Hemd, dass dann neben dem Fahrtwind um einen herum flattert. Die Route führt nun über die mit 545 bezifferte Strecke, kein nennenswerter Verkehr, leicht hügelige grüne Landschaft. In einem Ort (Janovce) werde ich hereingelegt. Aufgrund einer vielversprechenden Beschilderung mache ich einen Abstecher in Erwartung einer historischen Holzkirche. Es handelt sich aber nur um eine mickrige Holzkonstruktion, 3 m hoch und weiter nicht sehenswert.

Viel sehenswerter ist eine Szene, die ich im Vorbeifahren nur im Augenwinkel einfange. Aber dann sofort gebremst, ein paar Meter zurück, und - ich will nicht angeben, aber so ein Foto gelingt nicht jeden Tag und könnte bei einem Wettbewerb einen Preis gewinnen: ein Einwohner, schmunzelnd und in Eintracht mit seiner offensichtlich geliebten Kuh. Vielleicht das fast beste Foto der Tour.

Leider - oder nicht leider -, muss ich Moment (Do, 16.6., 20.15) meine Berichterstattung unterbrechen. Im Fernsehen (NDR III) kommt ein Bericht über die abenteuerliche Schmalspurbahn im rumänischen Wassertal - hallo Terje! Darüber später mehr.

Nun geht es wieder weiter, wir biegen ein auf die vierspurige Europastraße 73, voraus die Trasse, rechts Rapsfelder. Wenn man sich nicht sicher ist, ob diese Strecke für Radfahrer überhaupt erlaubt ist, können einen die hin und wieder in der Gegenrichtung käfernden Radfahrer beruhigen. Es gibt auch eine Randstreifen, wo Platz genug ist. Im Gegensatz zu den Entgegenkommenden rolle ich aber bergab mit Rückenwind. Die Stadt Presov kommt näher, zunächst nicht so ansprechend - wie immer, Industrieanlagen und viel Verkehr.

Das Zentrum präsentiert sich dagegen wieder wie ein Bilderbuch, noch dazu bei der Beleuchtung heute morgen - oder besser mittag. Die Kirche steht inmitten der  Flanierzeilen, es ist kein geschlossener Platz wie in Bradejov, sondern eine langgestreckte Straßenszene. Oberbusse mit Stromabnehmern fahren auf der Fahrbahn. In der Kirche hat gerade eine Hochzeit stattgefunden, nun wird fotografiert und das Brautpaar muss sich zweisam an einem Trinkbrunnen laben. Ich versuche auch, mein Foto von dem Hochzeitspaar zu schießen, aber so richtig wird das nichts. Das Panorama dagegen ist sehenswert. In der Touristeninformation versuche ich noch mein Glück, eine Karte a'la Czestochowa für eine Radstrecke nach Kosice zu erstehen. Aber das glückt nicht. Ich bin wieder auf eine der unzureichenden Skizzen aus dem Internet angewiesen.

Es reicht aber aus, eine ansprechende Nebenstrecke zu finden. Bei einer Rast ertönt plötzlich ein vernehmliches Klappern, und wenn man sich ein paar Meter von dem schattenspenden Plätzchen entfernt, hat man freie Sicht auf ein Storchennest, wo sich ein glückliches Paar gerade überschwenglich begrüßt. Ein paar Zeitgenossen sitzen nebenan auf einer Treppe, jeder mit einer Flasche Bier oder so was in der Hand, die Zeit ab. Die kümmert das alles nicht so, die sind das gewohnt - das Klappern meine ich.

Es gibt nun seitab rechts einen  Ort, der heißt Kysak, und von da aus kann man dann ganz gemütlich im Tal eines Flusses namens Hornad die Reststrecke nach Kosice abfahren. Vorher gilt es dazu noch die eine oder andere Steigung zu überwinden. Das ist weiter kein Problem, abgesehen von der Hitze. Bei Steigungen schaue ich mir immer die Blumen am Wegrand an, besonders, wenn geschoben werden muss. Und Blumen gibt es genug. Wir erreichen Kosice, das umgeben ist von riesigen Siedlungsblocks. Aber wir wissen ja schon, der Kern ist schmackhaft. So ist es auch hier. Am Hotel Amabassador fahre ich allerdings doch lieber vorbei. Trotzdem stolpere ich dann schließlich doch in eine nicht so preiswerte Einrichtung, und die nennt sich Hotel Slovan. Aber man kann dort mit Fahrrad und Gepäck durch die automatischen Türen bis zur Rezeption vordringen, das schätze ich immer besonders. Mein Zimmer ist im 8. Stock, da wird erst mal ein Panoramafoto gemacht, dann geduscht, Socken gewaschen und aufgehangen, für einen selbst wird eine Weile abgehangen.

Ein Rundgang in Kosice. Da ich an keiner Stadtführung teilnehme, kann ich über historisches nicht so viel - bzw. gar nichts - berichten. Es reicht mir immer schon wenn man auch so ins Staunen kommt. Jedenfalls herrscht ein reges Leben, eine Hochzeitsgesellschaft ist auch hier zugange und lächelt einem Fotografen zu. Ich stehe etwas abseits, deswegen lächelt mir keiner zu, trotzdem finden wir ein Bild der Veranstaltung nun auf diese Weise im Internet.  Dann besuche ich  wenigstens den Dom von innen, da spielt gerade einer auf der Orgel nach der Melodie "Tochteher Zion, freuhe freue Dich..." Als das Stück endet, klatscht einer - wie unfein, das hätte der mal bei der Schwarzen Madonna versuchen sollen (da kamen die Gesänge allerdings aus der Konserve).

So, nun gehen wir wieder mal Pizza (Pizzeria Modena) essen, wo soll man auch sonst hin. Da die Osteuropäer offensichtlich Pizzafans sind, bin ich hier ja bestens aufgehoben. Langweilt vielleicht ein wenig - immer nur Pizza? Man kann aber auch den kleinen Mädchen am Nebentisch zuschauen, die verzückt in ihr Handy funkeln und sich hin und wieder SMS-Mitteilungen quer über den Tisch zukommen lassen, wie das nur funktionieren mag?

Nun ist man selber ja auch nicht von gestern - oder? In den Hotelauslagen entdecke ich spät am Abend (21.30), dass es einen Internetraum für kostenlose Benutzung gibt. Da lasse ich mir noch an der Rezeption den Schlüssel geben und beantworte meine Mail von vor ein paar Tagen. Dass die dann an mich selbst geht und nicht an meine liebe Tochter Stefanie, fällt mir erst später ein. Das lässt sich aber am nächsten Morgen noch beheben. Ich hatte mir tatsächlich die Mail selber geschickt. Sie war schon angekommen. (So kann es kommen, wenn man 34 Jahre lang beruflich in Sachen EDV tätig war)

11 Sonntag, 29.5., Tokaj, 88 km

Für die Weiterfahrt von Kosice gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine ist, sich östlich auf Nebenstraßen in die Büsche und Berge zu schlagen. Die andere ist, genau in Richtung Süden auf der E 71 26 km direkt zur ungarischen Grenze zu fahren. Ab da könnte man - wieder auf Nebenstraßen - die weltbekannte Weinstadt Tokaj  anfahren. Nun ist heute am Sonntagmorgen kaum Verkehr, außerdem finde ich die Abzweigung "in die Büsche und Berge" nicht. Damit steht das Tagesziel ja wohl fest. Nach einer guten Stunde angenehmer Fahrt auf der schnurgeraden Europastraße ist die Grenze erreicht. Zu den Grenzformalitäten ist hier wie bei allen anderen Grenzübergängen nichts weiter zu sagen - sie sind problemlos.

Bald hinter der Grenze kann man nun wieder auf Nebenstraßen begeben, die ja auch landschaftlich interessanter sind, als die leidigen Schnellstraßen. Da bietet sich ein netter Rastplatz an, nebenan eine Wiese mit Heuhucken, wie wir sie von früher (erstes Leben) kennen, heute sieht man bei uns immer nur diese unansehnlichen weißen Plastikpakete. Unter so einer Heuherberge sollte man mal nächtigen, wenn man nicht zu Heuschnupfen neigt. An der Straße sind nun Schilder einer Euroveloroute angebracht. Dann ist man ja wohl richtig.

Eurovelo ist eine Organisation, die in ganz Europa Fernrouten entwickelt, die Nordsee Runde gehört auch dazu. Man kann aber auch vom Norkap bis nach Gibraltar gelangen,, wenn einem gerade mal danach ist...

Die Ortschaften sind gemütliche ländliche Straßendörfer. Heute am Sonntag geben sich die Bewohner der Muße hin, mancher mit einer Flasche Bier in der Hand. Die kleinen Dorfläden und Bars sind geöffnet. Zur Linken zieht sich ein bewaldeter Höhenzug dahin, der heißt Zempleny oder so. Über den müssen wir irgendwann hinüber. Das zieht man mal möglichst lange hinaus. Vorher noch eine Burg, Boldogkö Varalja, da könnte man einen Abstecher bergauf machen. Das lassen wir lieber, für ein Foto tut es auch der Zoom, leider ist es etwas dunstig. Nun müssen wir über das kleine Gebirge. Eine winzige Straße führt ein Tal hinauf, gut zu fahren bis auf den Straßenbelag, der ist etwas hoppelig. So ist auch die Abfahrt, da wird man nicht so schnell.

Die Ungarische Ebene mit dem Fluss Bodrog liegt vor uns. Dort sind "schwimmende Wiesen", die nicht nur nach einem Hochwasser unter Wasser stehen. Daher gibt es hier auch so viele Störche. Wie man später erfährt, reisen auch Ornithologen aus ganz Europa zu Exkursionen hierher an. Die müssen dann ja wohl paddeln. Als ich einmal ein Blumenbeet fotografiere und mich hinterher umdrehe, fährt gerade ein schwer bepackter Radtourist vorbei. Das ist ein rollender Campingplatz, er grüßt nur unwillig und ist schon vorbei, da hätte ich auch gern ein Bild gemacht.

Wir nähern uns einem hohen Berg mit einem Sendeturm auf dem Gipfel. Das ist der Hausberg von Tokaj, Kopasz (Glatzberg) 515 m, genannt. Damit rollen wir in die Stadt Tokaj ein. Dort findet gerade ein Weinfest - wo auch sonst - statt. Vorher hatte ich ein Pensionsschild gesehen, da kehre ich gleich ein bei Frau Josefne Kovacs. Für 20 EUR samt Frühstück beziehe ich eine ganze Wohnung. Da hätten noch mehr Platz und Frau Josefne ist etwas enttäuscht, dass ich allein bin. Aber sie denkt wohl: "Lieber den Spatz in der Hand als den Storch auf dem Telegrafenmast". Der wohnt gleich nebenan und zuweilen hört man das Klappern. Ich bekomme sogleich etwas zu trinken samt Kuchen, da ist man gleich wie zu Hause!

Nach dem Duschen geht es natürlich gleich zum Weinfest. Dort sind viele Weinstände, wo man den berühmten Tokajerwein verkosten kann. Ich gerate aber in die Touristeninformation, die heute natürlich geöffnet ist. Ich frage nach einem Quartier auf der weiteren Strecke, und die netten Damen melden mich gleich telefonisch für den nächsten Abend in einer Pension an in einem Ort, den man am besten mit einem Schluck Wasser im Mund aussprechen sollte: Gergelyiugornya. Das hebt die Stimmung. Wenig weiter ist ein schönes Restaurant mit Freisitz. Dort wird uns nun eine gebratene Forelle gereicht, aufrecht platziert mit Zitronenscheiben auf dem Rücken. Nun kann man bei einer gebratenen Forelle ja die Flossen, kleinen Gräten und sogar den Schwanz mitessen. Da bleibt nicht viel übrig.

Ein Rundgang ist angesagt. Es gibt viele Restaurants (Tavernen), die befinden sich in unterirdischen Gängen. Diese Gänge hat man zur Weinlagerung angelegt, in diesem feuchtkalten Klima soll sich dort ein aromatisierender Edelschimmelpilz (Botrytis cinera) entwickeln und dem Tokajerwein dadurch zu seiner Berühmtheit verhelfen. Im Rakoczkikeller sollen 24 derartige Gänge zusammentreffen. An der Brücke ist der Zusammenfluss von Bodrog und Theiss. Wenig weiter ein munterer Platz, der nicht mehr zum alten Stadtkern von Tokaj gehört. Letzter ist übrigens unerwartet klein, gerade mal längs einer Straße von vielleicht 700 m Länge. Der besagte Platz ist heute von einer Motorradmeute beherrscht, denen es hauptsächlich darum zu tun ist, im Pulk möglichst geräuschvoll ihre Macht  - was immer sie dafür halten mögen - zu demonstrieren.

Auf dem Rückweg erstehe ich, wie es sich gehört, zwei Flaschen Tokajerwein: "2003 Tokaj Muscot Lunel". Ich muss Frau Josefne schließlich eine Freude machen. Eine Weile verweile ich noch auf dem Kirchplatz, da erklingt Musik, wie wir sie auf dem Oktoberfest in München erwarten würden. Später versucht ein Moderator, einige Leute zu einem gemeinsamen Tänzchen zu animieren. Das gelingt auch so halbwegs unter den Kommandos - in Ungarisch natürlich: Vor, zurück und links und rechts usw. Ein Herr schnallt das nicht und wieder nicht, bedankt sich aber nach Ende des Tanzes überschwänglich mit Handschlag bei dem Moderator. Danach singt der Moderator, anscheinend auch des Sanges mächtig: "Dirty old Town", was der schönen Stadt Tokaj alles andere als gerecht wird. Seit heute morgen habe ich dagegen das Lied im Ohr:

"Dort drunt im schönen Ungarland,
wohl an dem schönen Donaustrand,
da liegt das Land Magyar...
Dunja Dunja Dunja Tisa,
Bas maderem trem kordijar
Te-de-rei, te-de-ra, te-de-rei, te-de-ra
Als Blankenstein-husar.
".

Fragt sich noch, was es mit dem "Blankenstein Husar" auf sich hat. Im Internet kann man ermitteln, dass die letzte Strophe dieses Liedes wegen "Türkenfeindlichkeit" heute aus den Liederbüchern verbannt werden sollte. Sie lautet:

"Im letzten Dorf da kehrt ich ein
und trank dort den Tokajerwein,
Tokajer aus Magyar,
Tokajer du bist mild und gut,
du bist das reinste Türkenblut
fürn Blankensteinhusar."

Das Blankensteiner war eines der ungarischen Husarenregimenter (um 1792), die wohl nicht nur gegen die Türken sondern auch gegen die Franzosen zu Felde gezogen sind.

Als ich zurück im Quartier bin, wartet Frau Josefne schon, sie hat ja sonst nichts zu tun. Dass die eine Flasche Wein für sie sein soll, kann sie gar nicht glauben, freut sich dann aber doch. Leider kann sie ihn nicht trinken, neue Hüfte und Arztverbot. Wir können uns nur durch Zeichensprache oder aufgemalte Symbole (ich habe Fisch gegessen) verständigen. Einmal meine ich zu verstehen "Papa kaputt" soll wohl heißen, sie sei Witwe.  Man kann bei der heutigen Wärme schön draußen sitzen, aber dann vertreiben einen die Mücken. Ich ziehe mich dann auch bald in meine Wohnung zurück, ich müsse noch schreiben, mache ich klar, so eine Unterhaltung ohne gemeinsame Sprache ist eben doch anstrengend. Endlich allein lasse ich mir das Fläschchen Wein schmecken, man wird sich vorstellen können, dass es mir nicht schlecht dabei geht.

12 Montag, 30.5., Gergelyiugornya, 100 km

Nach dem Frühstück mit Rührei und Schinken kann ich gut gestärkt aufbrechen. Meine Trinkflasche fülle ich an einem der Brunnen auf. Somit kann ich den Verbrauch eines Radfahrers "eichen": 1.5 Liter Tokajer Brunnenwasser auf 60 km! Zunächst geht es auf die stark befahrenen Straße 38, die man aber bald verlassen kann. Dann gibt es streckenweise sogar gute Radwege neben der Straße, das würde man in Ungarn gar nicht erwarten. Blühende Akazien, ungezählte Storchennester, urige Dorfbilder. Hinter den Häusern (vorne die Giebel und Hoftore, dahinter die Hühnerwirtschaft) sieht man immer wieder eigenartige Schuppen. Allmählich finde ich heraus, dass sie wohl zur Lagerung von Brennholz, vielleicht auch von Maiskolben dienen. Ansonsten kommt man an einer Schafherde mit Schäfer vorbei, und dann sehe ich mein Mohnfeld. Zu der Panoramaufnahme sind 5 Fotos nötig. Auch einer dieser Ziehbrunnen taucht auf, der gehört ja nun unbedingt zum Klischee über Ungarn. Hier ist aber keine Puszta, sondern es gibt hauptsächlich Maisfelder oder Wiesen.

Aus dem Internet:
Echte Puszta, fast baumloses Öd- und Weideland, überlebte nur in den Naturschutzgebieten Hortobágy und Bugac.
Länger als anderswo ist der Weg, den die Sonne hier zurücklegt. Unendlich ist der Horizont, er ist wie ein runder Tisch über den sich die hellblaue Glasglocke des Himmels, von keinem Wölkchen getrübt, wölbt. Im Sommer wird die endlose weite Steppe hitzeflimmerndes Pferde- und Reiterland, über dem die >déli-bab<, die ungarische Fata-Morgana, in der Luft zerflossene Erscheinungen inszeniert, weiße Häuser, grasende Rinder, ein Ziehbrunnen, hinter dem sich die dunstrote Sonne dem Untergang nähert.

Ich fahre heute nur in Turnhose mit freiem Oberkörper. Die Einheimischen tun das auch, da fällt man wohl nicht aus der Rolle. Vor einem größeren Ort aber sollte man das Hemd überstreifen. Dieser eine Tag reicht immerhin für einen kleinen Sonnenbrand. Am Ende dieser Tagesetappe erreichen wir die größere Stadt Vasarosnameny, und 2 km weiter das Ziel "Gergeldireinen". Nun muss ich die Pension suchen. In einem Geschäft kehre ich ein und frage nach dem Weg. Da stellt sich heraus, dass die Pension im selben Haus ist, das Hinweisschild hatte ich übersehen. Die Unterkunft ist einfach.

Natürlich freut man sich auch über ein schönes Zimmer. Aber wenn es auch nur ein einfaches Quartier ist, ist man nach einem anstrengenden Tag genauso froh, dass man gut untergekommen ist. Das wird mir jeder Radfahrer bestätigen, der auf diese Weise unterwegs ist. Abends gibt es immer genug zu tun, und zum Ausbreiten der Straßenkarte zur weiteren Planung reicht das Bett allemal.

Zum Essen muss ich aus diesem Nest (man wirbt mit einem Erlebnisschwimmbad mit Rutsche und einem "Seidensand u. individuell gelaunten Strand", der sich an den verlehmten Flussufern kaum vermuten lässt)  allerdings 3 km in die o.g. Stadt zurück fahren, wo es in dem Hotelrestaurant Feher mit Freisitz ein Gericht namens "Holzteller" gibt. Das sind drei unterschiedliche Steaks, wobei allerdings das letzte Gräten(?) hat. Das lasse ich dann lieber über. In der Pension versucht man dann noch, das Fahrrad in einer Garage unterzubringen. Leider bekommt man die Tür nicht auf. Wäre das nicht jetzt, sondern am nächsten Morgen passiert, da hätte man dumm dagestanden. Das Rad verbleibt also lieber im Treppenhaus und wird abgeschlossen. Dafür kann ich am Morgen eine verdutzte Dame von ihrem PC wegscheuchen und schnell eine mail nach Hause schicken, damit man dort mal wieder weiß, wo ich bin.

13 Dienstag, 31.5., Satu Mare, 65 km

Der heutige Tag ist landschaftlich weniger interessant, obgleich in Ungarn zu radeln natürlich nicht das schlechteste ist. Es gibt schnurgerade Strecken, die durch den starken Rückenwind aber durchaus Vergnügen bereiten. Da grübelt man so vor sich hin.

Fällt mir doch da ein Spruch nicht ein von Giovanni Trappatoni ("Ich habe fertig"). Irgendwas mit Strunz? Ein paar Kilometer weiter purzelt es aus dem Gedächtnis: "Was erlauben, Strunz!".


So geht es einem eben manchmal unterwegs, wenn man langsam wunderlich wird, aber das gehört auch dazu.
Irgendwann gibt es dann auch Storchengulacs, d.h. rein symbolisch, Gulasc heißt der Ort und ein Storchennest ist gleich über dem Ortsschild. Wir nähern uns der Grenze nach Rumänien, dem Land der Träume, die noch ohne Inhalt sind. Da wird man problemlos abgefertigt - keine weiteren Fragen. Auf der schnurgeraden Hauptstraße 19A fahren wir nach Satu Mare (Sothmer). Die deutsche Partnerstadt ist Wolfenbüttel (10 km von zu Hause), na das ist ja eine Überraschung. Leider empfängt mich der Staat Rumänien mit ein wenig Regen und in der quirligen Stadt suche ich nun wieder ein Hotel. An dreien davon bin ich vorbei gestolpert, wie später festzustellen ist.

Zunächst findet man mich an einem Bankomat wieder, wo ich für's erste 2.500 Lei ziehe. Mit dieser Währung muss man sich erst mal vertraut machen, denn ich verfüge nun gerade über die Barschaft von umgerechnet 10 EUR. Später bin ich schlauer und ziehe 4.000.000 in Worten: vier Millionen, das sind ca. 115 EUR, der Höchstbetrag, den man hier in einem Bankomat bekommen kann. Dafür reicht das bei einigermaßen sparsamem Auskommen eine Woche. Ab erstem Juli d.J. wird man - wie überall ausgeschildert ist - dieser Währung kurzerhand vier Nullen entziehen. Das wird sich dann Leu Nou (Singular) oder Lei Noi  (Plural) nennen und drei neue Lei werden etwa ein EUR sein. In Polen hat man das vor etlichen Jahren auch schon praktiziert, als man mit den Gigazlotys nicht mehr zurande kam.

Mittlerweile bin ich am Bahnhof angelangt, und gegenüber befindet sich ein Hotel namens Casablanca. Tatsächlich kann man sich dort einquartieren und zwar für 20 EUR, die ich wegen zunächst fehlender Lei wundersamerweise auch in der EUR-Währung bezahlen kann, ein paar davon sollte man ja immer im Brustbeutel haben. Nun dürfen wir unser Zimmer betreten - und das ist ja ganz erstaunlich komfortabel. Ein richtiger Tisch mit vier Stühlen, da kann man ja richtig "arbeiten". Nach dem üblichen Duschen und Sockenwaschen ("Laundry" sagt der Engländer) kann man sich in die Stadt aufmachen, um etliche Einkäufe zu tätigen. Als da sind: Straßenkarten im nächsten Bücherladen. Die beste ist die Huberkarte von ganz Rumänien im Maßstab 1:6000.000, aber sehr detailliert. Die andere Karte - die letzte im Regal - ist eine Karte von Siebenbürgen (Szekelyföld, M 1:250.000) auch mit den deutschen Ortsnamen. Das ist ein Glücksfall, beide Karten kosten je ca. 3 EUR, für den Preis hätte man die zu Hause kaum bekommen, außerdem hätte man sie die ganze Zeit mitschleppen müssen.

Das ist auch ein Problem des Radtouristen: wenn man die verfügbaren Unterlagen schon zu Hause besorgt, tut das dem mitgeführtem Gewicht nicht gut. Unterwegs erhält man mitunter bessere und preiswertere Karten (z.B. in Touristeninformationen oder Tankstellen), die man bei uns gar nicht bekommen würde. Und das beeinflusst wiederum die Routenplanung, aber so bleibt es auch unterwegs immer spannend.

Wir müssen noch weitere Besorgungen machen. Eine Telefonkarte für die öffentlichen Telefone gibt es für 100.000 Lei = 3 EUR. Damit habe ich dann später vier Gespräche nach Deutschland geführt und die Karte ist noch nicht alle geworden. In einem vorher übersehenen Hotel bekomme ich einen Stadtplan (City Map), und danach kann ich mich endlich um ein Restaurant kümmern. Auf dem Wege bettelt mich ein Junge an, aber ich habe keine Lust, die Geldbörse aus sicheren Tiefen an die Oberfläche zu befördern und womöglich um mehr als ein Almosen erleichtert zu werden. Eine Weile läuft er neben mir her, bis man ihn abschüttel kann. Man weiß noch nicht, wie es hier so läuft. Nun finde ich eine weniger elegante Fast Food Station, die heißt "Hello Margot", und da muss man am Tresen bestellen, gleich bezahlen, und wird dann draußen im Freien unter dem Vordach versorgt. Als ich gerade die letzten Bissen hinunter schlinge, taucht ein Kopf über der Abzäunung zur Straße auf, und das ist der bettelnde Junge von vorhin, nun möchte er mitspeisen.

Es wird in Rumänien weniger gebettelt, als wir es noch vor Jahren in Polen erlebt hatten ("Tochter krank, keine Rente..."). Im folgenden wird ja zu lesen sein, was sich meinerseits noch ereignet hat. Und das hält sich in Grenzen. Das nur als Anmerkung, falls jemand wegen solcher Befürchtungen nicht so gern nach Rumänien reisen würde...

Damit findet man mich in der Unterkunft wieder, wo ich gut versehen mit Kartenmaterial alles weitere in Augenschein nehmen kann. Eine sehr wertvolle Unterlage ist noch das Kartenblatt "Rumänien per Rad" (s. Linkliste). Die hatte ich mir nun tatsächlich schon zu Hause besorgt und die liegt nun ausgebreitet auf meinem Zimmerbett in Satu Mare. Da gibt es vorgezeichnete Radrouten kreuz und quer durch Rumänien, da hat man geradezu die freie Auswahl.

Vor dem zu Bett gehen, noch ein Blick auf den gegenüberliegenden Bahnhof, da ist natürlich auch eine Uhr - so spät ist es schon? Na ja, wir haben eine Zeitgrenze überschritten und müssen die Uhr eine Stunde vor stellen. So hat die Nacht eine Stunde weniger, aber davon bekommt man noch keinen "Jet-Lag".

14 Mittwoch, 1.6., Sapanta, 97 km

Wenn es kein Frühstück in der Unterkunft gibt, kann man früh starten, heute um 7.30. Wir werden zunächst laut o.g. Broschüre die Radroute Nr. 1 in Richtung Maramures an der nördlichen Grenze Rumäniens zur Ukraine befahren. Und das geht ja wirklich heiter los. Schlaglöcher, insgesamt schlechte Straßenverhältnisse, die Gepäcktaschen hüpfen, die Kamera wandert mal wieder besser zwischen das weichere Gepäck. Aber sobald man die Außenbezirke der Stadt verlassen hat, offenbart sich ein reges Landleben. Die Menschen arbeiten in Handarbeit auf den Feldern, immerhin haben sie meistens ein Pferdchen und einen Wagen, mit denen sie die Ernte, z.Zt. hauptsächlich Heu, einfahren können. Eine Bahnstrecke führt linkerhand entlang, da klötert hin und wieder ein Zug mit manchmal offen stehenden Abteiltüren vorbei.

Nun haben die Verantwortlichen, die die Radroute Nr. 1 im Rumänien entworfen haben, offenbar im Schilde geführt, dem Neuankömmling gleich eine Strecke zu präsentieren, die ihn ggf. wieder umkehren lässt. Es geht nämlich schließlich auf eine unbefestigte Piste, die mit beladenem Rad nur schwer passierbar ist. Dafür ist sie völlig frei von jeglichem Verkehr, da kann man dann fahren, auf welcher Seite man will - ob Rechts- oder Linksregelung. Es ist zu sagen, dass das eine Art "Aufnahmeprüfung" sein mag, denn später werden sich die Verhältnisse nicht mehr ganz so abenteuerlich darstellen, bis auf einmal, aber das wird noch eine Weile dauern.

Nach dieser Schotterstrecke (ca. 10 km), Umrunden von Gänsen, Hühnern und Hunden, die gern auf der Straße sich wie tot dem Schlummer hingeben, erreicht man nach insgesamt 28 km mit dem Ort Apa wieder eine Nationalstraße, die 5 km Erholung bietet bis zu dem Ort Seini. Da muss man nach Norden abbiegen und es gibt Steigung und Gegenwind. Ist man bisher immer mit meistens Rückenwind leicht in südliche Richtungen geradelt, darf einen das nicht ärgern. Die Landschaft wird reizvoller, das liegt an den Steigungen - ohne Berge: keine Ausblicke.

Einen größeren Ort gibt es, und der heißt Negresti Oas bzw. Certeze. Danach geht es weiter Richtung Norden auf die Ukrainische Grenze zu, die ohne Visum leider nicht zu überschreiten ist. Aber dort sollen die Straßenverhältnisse noch schlechter sein und außerdem steht dieser Staat nicht auf dem Programm. In Ober-Certeze bzw. Huta Certeze sind viele Neubauten in Arbeit, wie zu lesen ist, hängt das womöglich mit einem vergangenen Erdebeben zusammen, nichts genaues weiß man nicht.

Per Google kann das nicht bestätigt werden, vielleicht verspricht man sich hier in der doch ansprechenden Landschaft auch eine touristische Zukunft?

Es gilt nun den kleinen Pass Huta (587 m) zu überwinden. Das ist kein Problem, die Steigung ist mäßig, vielleicht 7%. Dafür bessert sich mit jedem Höhenmeter die Aussicht. An einer Kirche vorbei, dann ein Parkplatz und man hat es geschafft. Die Abfahrt kann man nicht genießen, die ist zu holperig und im dichten Wald recht dunkel. Erst im Tal, man ist nun wieder an dem Fluss Theiss, hier Tysa wird die Straße besser. Es sind nur noch wenige Kilometer bis Sapanta, dem heutigen Tagesziel. In Sapanta darf man auf ein Quartier hoffen, gibt es doch hier den - man darf wohl sagen weltberühmten "Lustigen Friedhof". Wir werden sehen, was es sich damit auf sich hat.

Das Quartier bietet sich an mit einem Hinweisschild: "Pensiunea MINUTA". Nach hundert Metern ist man vor Ort, ein kleiner Junge wuselt herum: "Oma komm mal, da ist einer" das mag er wohl über den Gartenzaun rufen (natürlich auf Rumänisch). Besagte Oma erhebt sich aus ihrem Kartoffelbeet und preist sogleich mit ihrem goldverbrämten Zahnwerk die obere Etage dieses Anwesens an, wo es ein schönes Zimmer gibt. Da stehe ich dann wenig später in der Unterhose herum, als die Dame mich zum Essen bittet: "Mengare" oder so. So findet man sich in der unteren Diele wieder, eine nicht mehr ganz heiße, aber fettige Kartoffelsuppe wartet schon, etwas undefinierbar das ganze, weiße fetthaltige Fleischstückchen enthaltend, Rippchen und was sonst so dranhängen mag. Die Verpflegung ist sehr willkommen, auf einem Teller lassen sich auch noch Schinkenstücke, Wurstscheiben und Gurken abstauben. Zwischendurch präsentiert die Hausherrin ein selbstgebackenes Brot, das fällt ihr nun leider aus Versehen alles auf den Boden und es muss aufgekehrt werden. Kann ja auch mal passieren!

Dann wird ein Wodka gereicht, nachschenken solle man auch noch. Da halte ich mich doch lieber zurück. Nun erscheint wohl der Rest der Familie, zurück von der Feldarbeit. Die Hacken und Feldwerkzeuge werden an die Wand gestellt, und dann machen sich auch alle über die Suppe und sonstige Verpflegung her. Auch ich werde nicht übersehen, schon hat man ein Deutsch-Rumänisches Wörterbuch zur Hand. Es tut mir leid, ich bin an die rumänische Gastfreundschaft noch nicht so recht gewöhnt, und die Abendsonne ist noch so verlockend, dass ich mich mit dem Zeichen des Fotografierens alsbald aus dem Staube mache. Sicher nicht so vorbildlich für einen Gast - ich weiß!

Um den "Lustigen Friedhof" zu finden, fahre ich wie immer in die falsche Richtung. Aber das ist insoweit interessant, als man an eine Baustelle gerät, wo gerade zwei nagelneue Kirchenbauten - allerdings im traditionellen Stil - errichtet werden. Man will wohl in diesem Ort eine weitere Attraktion anbieten, das riecht leider ein klein wenig nach Disney-Land. Nach weiterem Herumirren finde ich dann schließlich doch besagten Friedhof, er befindet sich natürlich neben der Kirche, wo sollte er auch sonst sein? Da hat man nun das, was man schon im Fernesehen gesehen hat und was in jedem Reiseführer über Rumänien abgebildet ist: die  farbenfroh bemalten Grabmale, wo man auf Holzbrettern charakteristische Eigenheiten der Verstorbenen aufgemalt hat. Meistens den Berufsstand, ob Lehrer, Landwirt, Traktorfahrer oder Spinnerin.

Es wird auch gerade ein neues Grab ausgehoben. Da hat man Mühe, eimerweise das Wasser aus der Kuhle zu befördern. Dann mögen es die Verblichenen da tief drunten doch nicht so gemütlich haben? Als ich den Friedhof wieder verlasse - stundenlang sollte man sich dort aufhalten - werde ich von einer Dame abgefangen, die mir nun mit den Worten "Ticket, Ticket" 90.000 Lei (3 EUR) für die Besichtigung und das Fotografieren abknöpft. Das kann man verschmerzen - nach der langen Anfahrt? Und auf der Straße erlausche ich ein Gespräch zwischen Schwaben, einer ist mit dem Radl da wie ich ("I hob a Gangschaltung mit drei Gäng, und wennst ihr weiter hinter mir her fahret, treffe mir uns im Remstal wieder"). Im letzten Jahr hätte es hier furchtbar geregnet, antwortet das Ehepaar, die waren also schon öfter hier. "Morge werde ich fotografiere, wenn die Sonn scheint, aber die 3 EURO zahl ich nich nochamal, i bin doch a Schwab" meint der Radler abschließend. - Entschuldigt mein schlechtes Schwäbisch!

Nun trinke ich noch ein Bier in einer Bar (Tuborg Strong, 7.8%), damit ist die Bettschwere gesichert. Im Quartier ein abschließender Blick aus dem Fenster auf den Hühnerhof, wo sich selbige auch zu Bett begeben, und dann tue ich selbiges auch. Kuh, Sau und Ferkel geben angenehme Geräusche von sich, da schläft man selig ein. Die Nachttischlampe ist noch zu erwähnen: die entstammt der neuesten Technik (Sensorschalter). Man muss nur deren Fuß berühren, dann geht sie an, oder wird heller, oder noch heller, oder wieder aus. Da kommt man ja kaum wieder davon los! Um 23.45 Uhr, ich war schon im Tiefschlaf, geruht aber der Hofhund ein Gebell anzustimmen, das ungelogen ohne Pause bis 2.00 andauert. Es scheint keinen außer mir zu stören. Als höflicher Gast kann man ja nun schlecht irgend etwas dagegen unternehmen. In meiner Verzweiflung fresse ich eine ganze Tafel Schokolade auf.
 
15 Donnerstag, 2.6., Borsa, 102 km
 
Ein bisschen Schlaf gab es dann doch noch, und - erwachend - kann man hören, wie die ganze Familie wohl wieder zur Feldarbeit aufbricht. Auch die Hausherrin scheint zu ihrer Tagesarbeit entschwunden zu sein. Auf dem Tresen in der Diele steht noch die fettige - aber nun kalt erstarrte - Suppe von gestern, dazu ein undefinierbarer gelber Brei, Hirse- oder Maisbrei? Da verzichte ich irgendwie auf ein mögliches Frühstück, bezahlt hatte ich ja schon gestern. Unbemerkt kann man aufbrechen und ich weiß, damit bin ich nicht der höflichste Gast dieser Herberge gewesen. Ihr mögt es besser machen, wenn ihr denn mal dort einkehrt.

Wir fahren nun in dem weiten Tal noch ein wenig an der Theiss entlang, die hier die Grenze zur Ukraine bildet. Von dort grüße der eine oder andere graue Fabrikschlot. Es folgt der größere Ort Sighetu Marmatiei. Laut Reiseführer Rumänien (Marco Polo), gibt es hier ein ehemaliges Gefängnis aus den Zeiten von Maria Theresia, das hat grausige Zeiten bis zum Ende des Sozialismus erlebt. Heute ist das Gebäude ein Museum, gut restauriert und von außen gar nicht so grausig. Da es noch nicht geöffnet hat, tut es meinem Vorankommen keinen Abbruch.

Zwischendurch die Bemerkung, dass in diesem Bericht die historischen Hintergründe sicher etwas zu kurz kommen. Wer daran mehr interessiert ist, mag bessere Quellen finden. Es gibt einen Autor von Reiseberichten, der eröffnet den Besuch eines jeden Ortes mit den Worten: "erst mals urkundlich erwähnt...". Die dazu notwendigen Informationen entnimmt man entweder den örtlichen Informationsunterlagen oder in Zeiten des Internet googelt man das aus. Hier und im folgenden stehen die Erlebnisse im Vordergrund, die auch schon mal in ein Abenteuer ausarten können - wir werden ja sehen!

Von Sighetu Marmatiei hat man zwei Möglichkeiten, die Maramures zu erkunden. Die Hauptstraße führt entlang des Flusses Viseu. Die kleinere Straße führt durch das Iza-Tal und ist auch von "Rumänien per Rad" so empfohlen (Route 1). Und ich muss schon sagen, das ist die "Königsetappe", was die Mannigfaltigkeit der Beobachtungen angeht. Hier erlebt man all das, was man so an Klischees im Hinterkopf mitgebracht haben mag. Das ganze ist wie ein Freilichtmuseum einschließlich der Bewohner. Die arbeiten auf den Feldern in reiner Handarbeit, die Wiesen werden mit der Sense gemäht, das Heu mit der Heugabel gewendet und schließlich per Pferde- oder Rindergespann abtransportiert. Nach einem Foto bekreuzigt sich die Führerin eines solchen Gespanns allerdings. Auf den Feldern für Kartoffeln und anderen Hackfrüchten wird das Unkraut mit Hacken entfernt. So herrscht ein munteres Treiben, auch auf der Straße, wo die Einwohner zu Fuß oder auf Fahrrädern ihren Feldern zustreben. Wenn einer eine Sense geschultert hat, heißt es Abstand halten. Denken wir uns mal zurück in eigene Erinnerungen, so muss man schon in das "erste Leben" abtauchen, als wir in den 50er Jahren einen Teil der Kindheit in Südhorsten, Kreis Schaumburg-Lippe, verlebten. Damals arbeiteten die Landfrauen auch noch auf den Feldern, Rübenverziehen u.dgl. Als dann die Trecker und Landmaschinen aufkamen, war es damit vorbei.

Die Menschen in diesem Tal leben teilweise offensichtlich von der Selbstversorgung. Einmal werde ich durch Zeichen - wenn ich sie richtig verstehe - aufgefordert, doch lieber zu helfen, als da so nutzlos in der Gegend rumzufahren. Das gibt einem schon zu denken, fährt man da vollgestopft mit Lei-Millionen und blanken EUROS im Brustbeutel in der Gegen herum? Und hier muss man schwer arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu sichern?

Aber auch für die Kultur hat man noch etwas übrig: es gibt hier die berühmten Holztore mit kunstvollen Schnitzereien, vielleicht das Ergebnis langer Winterzeiten. Von malerischen Kirchen mit ihren spitzen Türmen z.B. in Barsana) gar nicht zu reden. Der Fluss Iza wird zuweilen von abenteuerlichen Hängebrücken überquert, ein Radfahrer macht es vor - schiebenderweise. Aber ich muss da nicht hinüber, ich bleibe auf der Straße, die hier übrigens in bemerkenswert gutem Zustand ist.

Lasst uns noch die Schafherde passieren, wo die weißen Hirtenhunde das Geschäft besorgen, die Schafhirten dagegen mit kunstvollen Pfiffen die Sache dirigieren. An einem Rastplatz trollt eine Frau herbei und hockt sich an den Bach, um Wäsche und Schuhe zu waschen. In ihrem Eifer bekommt sie es nicht mit, dass ein Foto "aus der Hüfte" geschossen wird. Und dann noch ein "Preisfoto", das die Stimmung perfekt wiedergibt: Zwei Frauen linsen durch eine Zaunspalte, um einen Schnack zu machen. Vor jedem Haus steht ohnehin eine Bank, auf der ältere nicht mehr arbeitsfähige Einwohner am Straßenleben teilhaben.

Dann raste ich in dem Ort Salistea de Sus. Da gibt es eine Schule und die ist gerade aus. Ich labe mich an einer Banane. Da kommt ein Knabe zögerlich herbei, ob man englisch sprechen würde - das würden sie in der Schule lernen. "So we can talk and you will know, why you learn Englisch" sage ich zu ihm und er freut sich. Da steht aber auch schon der Rest der Schülerschaft um mich herum. Dass man aus Deutschland mit dem Fahrrad angereist ist - das können sie kaum verstehen. Abschließend frage ich, ob ich ein Foto machen soll, und ehe ich die Kamera ausgepackt habe, steht die ganze Korona aufgebaut wie zu einem Klasssenfoto da. Und es wird ein gutes Foto, das man sich alle gleich mal auf dem Sichtfenster (Display) anschauen können.

Damit sind wir am Ende dieses schönen - ich sage mal, in Europa einzigartigen - Tals angelangt an einem Ort namens Sacel. Von dort muss man noch ein wenig klettern um in das o.g. Paralleltal mit der Hauptstraße 18 zu gelangen.

Hier liegt ganz in der Nähe jenes "Wassertal" ( Viseu de Sus) mit der abenteuerlichen Schmalspurbahn - hallo Terje! Ich bin dagegen nicht so ein ausgefuchster Eisenbahnfan und habe diese Attraktion mal wieder nicht auf dem Programm.

Die Restrecke nach Borsa - dem Tagesziel - ist dann auch nicht mehr so erbauend, zum Schluss Betonpiste mit handbreiten Zwischenfugen. Auch der Ort Borsa ist nicht ganz das, was man sich hier erwartet hat, in der Gegend des höchsten Gipfels dieser Karpatenregion, dem Pietrosul, 2302 m. In einer Seitenstraße findet sich eine Pension mit angeschlossener Pizzeria, dort kann man ein Zimmer bekommen (10 EUR), das allerdings das bisher und weiterhin armseligste ist. Das Fenster des winzigen Zimmers geht nur auf einen horizontalen Lichtschacht hinaus, der zwar begehbar ist, aber an seinem Ende auch nur einen zweifelhaften Ausblick auf Wohnblocks oder einen vermüllten Fluss bietet. Unten auf dem Platz ist ein Trödelmarkt und ein paar arme Hunde fristen dort ihr Dasein. Einer ist wohl krank, dem hängt irgendwie hinten was raus. Er hat sich aber eine für ihn passende Pappkiste organisiert, in die er jedesmal mühsam wieder hinein klettert, nachdem er - ängstlich wie er ist - vor jedem vorbeilaufenden Passanten das Weite suchen muss.

Auf der Suche nach einer Verpflegungsmöglichkeit gerate ich in ein eigenartiges Etablissement "Restaurantul Perla Maramuresului, Motel". Von außen eine Mischung zwischen China und Mexiko. Da kann man sich nicht enthalten, dort einzukehren, es gibt auch ein annehmbares Schweinekottelett und die zwei Biere sind auch nicht schlecht. Und die bedienende Dame macht am Schluss nach einem wirklich kleinen Trinkgeld noch einen schönen Spruch: "When you come back I waiting for you". Sollte man sich das merken?

Das erste mal benutze ich hier meinen Leinenschafsack.

16 Freitag, 3.6., Vatra Dornei, 92 km

Frühstück gibt es in dieser Unterkunft natürlich nicht, obwohl heute ein richtiger Karpatenpass, Prislop 1416 m, auf einen wartet. Und weiterhin diese leidige Betonpiste, immer bergauf. Schon bald merke ich, dass auf nüchternen Magen dazu die Kräfte nicht reichen werden. Die ersten Magazin Mixt - wie es hier heißt - haben aber schon früh um 7 Uhr geöffnet, sodass man mit Bananen, Keksen und Kuchen das Frühstück ersetzen kann. Oberhalb der Stadt Borsa hat man in einem grünen Tal, hier sieht es aus wie im Allgäu, wohl ein Touristenzentrum in Arbeit, jedenfalls wird viel gebaut. Aber im wesentlichen der Landschaft angepasst, keine Hotelkästen oder dergleichen.

Danach wird man in die Botanik entlassen. Es fahren kaum Autos, bis auf einige Fahrzeuge mit offener Ladefläche, die transportieren Kühe. Da handelt es sich um eine Art Almauftrieb - wie wir sehen werden. Zunächst geht es stetig bergauf im grünen Wald, die hoch oben brummenden Fahrzeuge zeigen an, dass man noch eine ganze Weile zu klettern hat. Also mal eine Rast an einem Bächlein, da kommen auch schon zwei klapperige Autos der Marke Dacia daher und halten an. Mich bemerkt man gar nicht - sie haben eine Panne. Den zwei Autos entsteigen drei Männer, drei Frauen und drei Kinder. An den bunten Gewändern der Frauen errät man sogleich, mit welcher Volksgruppe wir es hier zu tun haben. Ein Foto aus der Hüfte? Ich breche es ab, die Männer schauen herüber.

Im Rumänienführer ist zu lesen, dass man auf keinen Fall Zigeuner fotografieren sollte - aber das habe ich , glaube ich - schon weiter oben geschrieben. Für dieses Mal bin ich vernünftig und kann unbehelligt weiter ziehen.

Vier Stunden nach dem frühen Aufbruch heute morgen erreiche ich nach 25 km die Passhöhe. Da wird gerade so ein "Almauftrieb" abgewickelt. Die Kühe werden über eine Rampe von dem Transportfahrzeug herunter geführt und streben eilig den saftigen Weiden zu. Ein Hirtenjunge begleitet das wieder mit jenen melodischen Pfiffen, die o.g. Pirolvögel sind gar nichts dagegen. Auf der Passhöhe sind etliche Schulklassen einigen Bussen entstiegen, die machen wohl einen Ausflug. Einer der Busse hat eine heimatliche Aufschrift: "Ems - Dollart - Tours, Wessel Gruben". da fühlt man sich wie zu Hause. Sonst ist auf dieser Passhöhe nicht viel zu sehen.

Es geht an die Abfahrt in das Tal des Flusses Bistritja, und da ist die Straße weder steil noch in zu schlechtem Zustand, sodass es einmal ganz nach Wunsch rollt. Das Tal der Bistritja (Bistritz) gehört nicht zu den vorgeschlagenen Radrouten - bis auf den oberen Teil -, hätte es aber verdient, und wir werden ihm nun über 100 km weit folgen. Das schöne ist, dass es die ganze Zeit leicht bergab gehen wird. Es herrscht hier schon wieder eine andere Kultur, was die Bauweise der Häuser angeht. Sie sind häufg verziert durch eine bemalte Querleiste. Nun fallen einem auch die oftmals kunstvoll gestalteten Brunnen auf, wo die Wasserversorgung mittels Handrad, Kette und Schöpfeimer vor sich geht.

Die Straßenverhältnisse bleiben erwartungsgemäß nicht so gut - bald trifft man auf Arbeitertruppen, die erst große  Flächen der schadhaften Stellen auffräsen und dann wieder verfüllen und neu asphaltieren. Leider sind diese Reparaturstellen dann aber auch Stolpersperren. Als Radfahrer hat man den Vorteil, einspurig auf zwei Rädern ggf. in Schlangenlinien um diese Hindernisse herumkurven zu können, sofern der Verkehr das zulässt. Die PKWs, auch Trabbis(!) darunter, und vor allem Busse und Schwerlaster tun sich da schwerer, die müssen ja immer zwei Spuren optimieren, und da kracht es dann manchmal schon gewaltig und man fragt sich, wie so manches betagte Fahrzeug hier nicht in kürzester Zeit verschlissen wird.

Tagesziel sollte der Ort Jacobeni sein, dessen Entfernung auf jedem Kilometersteinen dieser Strecke als verheißendes Ziel angekündigt ist. Die Kilometersteine in Rumänien sind sehr informativ. In beide Richtungen werden die nächsten Ortschaften angekündigt und oben drüber der Ort, der am Ende der jeweiligen Verbindungsstraße liegt. Und das ist eben hier, wie erwähnt, Jacobeni. Leider ist dieser Ort eine Enttäuschung. Eine Unterkunftsmöglichkeit zeigt sich nicht, stattdessen einige Industrieanlagen. Andererseits ist hier der Ort der Entscheidung: hält man sich weiter nordöstlich (E576), würde man nach Campulung Moldovenese und bald danach in das Gebiet der Moldavischen Klöster mit den berühmten Außenmalereien gelangen. Ich wollte aber nach Siebenbürgen und bleibe der Bistrijta treu, wo man nach wenigen Kilometern den Touristenort Vatra Dornei erreicht.

Da ist an Hotels kein Mangel, 15 an der Zahl sind auf dem Stadtplan verzeichnet, aber da bin ich schon im ersten besten - dem besten - Hotel Carol abgestiegen. Nach den vergangenen einfachen Quartieren eine Wohltat und unterm Strich, was den Durchschnitt der Übernachtungskosten angeht, vertretbar. Dafür gibt es dort einen Fitnessraum (Folterkammer), die habe ich aber nicht nötig, oder eine Sauna, die nicht in Betrieb ist, und die habe ich auch nicht nötig. Nach Duschen und Wäsche machen (das Fahrradtrikot ist nach einer Stunde trocken, wenn man es ins Fenster hängt) breche ich auf zu einem denkwürdigen Abendessen. Wie so oft in eine Pizzeria, da weiß man, was einen erwartet. Weiß ich eben nicht - heute.

Denn ich bestelle eine Pizza GIANT, weil die ja wohl für den Hunger ausreichen wird. Dafür ist die Wartezeit etwas länger, die nach mir angekommenen Gäste sind schon am Essen. Und dann kommt der Koffer, der Tisch muss frei geräumt werden, und da steht nun so ein halber Quadratmeter Pizza vor mir. Die anderen Gäste gucken verdutzt. Das war nun nicht zu erwarten gewesen, wie soll man das schaffen?

Das ist mir vor Jahren schon einmal in England (Monmouth) passiert, wo ich an eine "Familienpizza" geraten war, und ich mit den Worten verabschiedet wurde: "He must be hungry, I thought".

Es ist mir peinlich, dass mir das in diesem Land passiert, wo so viele Menschen nur für ihre leibliche Versorgung von morgens bis abends arbeiten müssen. Nun mache ich mich ans Werk und schaffe gerade etwas mehr als die Hälfte, wobei die Randteile auch noch ausgespart werden. Die Bedienung fragt dann auch ganz höflich "Shall I pack it?" Ich verstehe nur "Baghuette" und lehne dankend ab. Und doch erscheint sie wieder mit einem Pappkarton, aber was soll ich mit dem, der passt nicht in die Packtaschen, höchstens hochkant. Und morgen früh ist ein Frühstücksbuffet zu erwarten, da kann man auch nicht den ganzen Abend an einer Pizza rumkauen. Ich zahle (11 EUR mit Bier) und mache mich mit meinem geschwollenem Bauch aus dem Staube.

Weit komme ich damit nicht, in einem Internetcafe kann ich noch allen, die es interessiert, mitteilen, wie gut es mir geht. Und dass Rumänien gar nicht so rückständig ist, wie man immer denkt. Das ist nun reiner Sarkasmus - leider.

17 Samstag, 4.6., Bicaz, 132 km

Nach dem Frühstück, von dem ich mir mehr versprochen hatte, geht es bei bestem Wetter und prima Straße weiter in besagtem Tal hinunter. Das ist reines Genussradeln in wunderschöner Landschaft und urigen Dörfern. Doch man muss auch mal eine Rast einlegen. Dazu eignen sich hier immer sehr gut die kleinen Mäuerchen, die sich an Querbächen befinden, die sind kniehoch und man kann da prima drauf sitzen. Da kommt ein fideler Bursche heran geschlendert, begrüßt mich mit Handschlag und setzt sich daneben. Viel hat er zu erzählen, leider kann ich zwar alles prima finden, mehr aber auch nicht. Dann mache ich klar, dass es weiter geht - als ob wir uns nun schon eine Ewigkeit kennen würden, endet das mit einer Umarmung und er ruft mir in voller Lautstärke ins Ohr: "Drum Bull". Später entnehme ich einem Reisemagazin: "Drum Bun" und das heißt gute Reise. Also das war ja ein echter Kumpel! Dafür gibt es auch ein Foto nach bewährtem Muster: voraus fahren, Zoom rein, aus der Hüfte geknipst und dann ab die Post. Mein Kumpel hat wohl nichts dagegen und winkt fröhlich. Wir werden in dieser Sache heute noch ein anderes Erlebnis haben.

Nun kann ich z.B. einen Angler ablichten, der steht mitten im Wasser und merkt nichts davon. Oder eine Graugans, der das auch nichts ausmacht. So geht diese Teilstrecke (87 km) auf angenehmste Weise unter den Rädern weg. Dann wird der Stausee Lacul Izvorul Muntelui erreicht. Ich hatte schon davon gelesen, hier dümpeln entsorgte Plastikflaschen auf dem Wasser, aber das auch nur an einer Stelle. Trotzdem müsste das nicht sein! Genau hir gibt es auch ein Hotel mit Restaurant, Parkplatz usw. Nun beginnt eine Panoramastraße, die meistens hoch oben über dem See dahin führt und wunderschöne Ausblicke bietet. Das ist einigermaßen "sportlich" denn bei einigen Zuflüssen muss man immer wieder hinunter auf das Niveau des Sees. In dem Ort Hangu gibt es laut Ausschilderung eine "Pension Intim", nicht dass da irgendwer etwas falsch versteht!

Nun steht mir das zweifelhafteste Abenteuer dieser Reise bevor. Voraus zieht ein Treck meiner geliebten Zigeuner des Weges. Das sind zwei Pferdchenwagen mit Kindern und habseligem Gepäck. Zwei bunte Frauen verschwinden gerade im Gebüsch, da schaut man lieber in eine andere Richtung. Als ich an dem Treck vorbei fahren will, läuft ein Busche neben mit her und bettelt aggressiv um etwas Essbares. Hätte ich doch die Pizzareste von gestern mitführen sollen? Aber anhalten ist besser nicht angesagt, schon gar nicht würde ich eine Tasche öffnen. Da es bergauf geht, kann ich mit einem kurzen Antritt der Geschichte entfliehen.

An der nächsten Kurve sticht mich der Hafer. Wie wäre es nun mit dem längst überfälligen Foto? Das hätte ich lieber lassen sollen! Erstens: das Foto verwackelt, weil die Truppe noch zu weit weg ist. Zweitens: sie haben das wohl bemerkt und drittens: plötzlich trabt das Pferdchen an und in unerwarteter Geschwindigkeit hinter mir her. Und kommt mit Galopp unter Pfiffen und Rufen immer näher? Nun könnt ihr einen erleben, der mehr Angst als Vaterlandsliebe entwickelt. Volle Pulle den Berg hinauf, das Herz rast. Und eine Weile kommt das Getrappel immer noch näher? Das Geräusch werde ich nie wieder vergessen! Nach zwei Kurven ist es überstanden, ein paar sicher nicht einladende Rufe werden mir hinterher gesandt und ich fahre mit unvermindertem Tempo weiter bergan, die Steigung will und will nicht enden. Was hätten die mit mir gemacht, wenn sie mich mit der Peitsche oder so eingefangen hätten? Vielleicht haben sie auch nur ein lustigen Wettrennen machen wollen? Glaube ich aber weniger!

Jede Steigung endet einmal, und bergab werde ich ja wohl den notwendigen "Sicherheitsabstand" zusammen fahren. Und nun ärgere ich mich mächtig über mich selber, wie kann man sich in so eine Situation bringen? Das wird mir nicht noch einmal passieren, und ich meine, das sollten auch alle beherzigen, die ähnliches zu unternehmen gedenken.

Die Reststrecke bis Bicaz (20 km) wird selbstredend ohne weiteren Aufenthalt und in zügigem Tempo absolviert. Die Straße führt sogar über die Staumauer, die den Lacul Izvorul Muntelui abschließt. Dann geht es schnell bergab und wir erreichen den Ort Bicaz. Der liegt zwar im schönsten Sonnenlicht da, ist aber ansonsten eine Enttäuschung, nachdem man auf so etwas wie gestern (Vatra Dornei) gehofft hatte. Ein paar unansehnliche Wohnblocks, das ist schon alles. Ich frage ein paar Leute nach einem Hotel, die wollen mich zur Staumauer zurückschicken, da gebe es eins. Da müsste man ja alles wieder zurück fahren und bergauf? Nein - es gibt auch ein Motel hier, mit Restaurant und Bar und Aussichtsterrasse. Da komme ich unter und werde in ein einfaches Zimmer einquartiert, ein großer Schäferhund bewacht das Anwesen, aber der ist friedlich und nett. Meinen Ausweis muss ich abgeben.

Auf der Freiterrasse mit schöner Aussicht kann man dann auch sein Abendessen einnehmen, leider ist die Speisekarte nur in Rumänisch. Auf der Speisekarte wähle ich das erste Gericht der Fischkategorie, das heißt "Pastau Prajata" und bin gespannt, was da kommen mag. Und es ist - wie erhofft - tatsächlich eine gebratene Forelle. Nach deren Verzehr noch ein Rundgang. Während in dieser Motel-Disco-Bar die Musik an diesem Samstagabend schon mal lauter gedreht wird, erklingen aus der nahen Kirche pastorale Gesänge und vom angeschlossenen Friedhof kommt einer mit geschulterter Schaufel, der ist guter Dinge und wohl zufrieden mit seinem Tagewerk. Auf einer Bank schläft einer, der hat wohl ein wirksames Schlafmittel intus. Das wär's dann für heute!

18 Sonntag, 5.6., Niklasmarkt (Gheorgheni), 58 km

Dieses Motel ist ein 24 h Betrieb, das nennt man "Non Stop" hierzulande. Trotzdem habe ich gut geschlafen und von irgendwelchem Rämmidämmi nichts gehört. So versuche ich am Sonntagmorgen gegen 7.00 Uhr ein Frühstück zu bekommen. Die zuständige Dame händigt mir zwar meinen Ausweis wieder aus, um den ich schon gebangt hatte, setzt sich aber dann lieber wieder rauchend zu ihren Kumpels. Also mache ich mich aus dem Staube.

Es stehen heute drei Attraktionen auf dem Programm. Zunächst aber ein riesiges Betonwerk: Carpat Beton, offenbar liiert mit Heidelberg Zement - wie auch immer. Hoffentlich bauen die nicht auch noch die berühmte Bicaz-Klamm auseinander, die uns nun erwartet. Zuvor kommen tatsächlich zwei Radtourer aus Deutschland mit Mountainbikes des Weges. Die sind das sechste Mal in Rumänien, da kann man denen nichts erzählen. Sie wollen zu den Moldawischen Klöstern, die mein Programm leider nicht enthält. Nun geht es durch besagte Klamm, wo die Felsen eng aneinander rücken und sich steil aufragende Wände beiderseits der Straße auftürmen. Ob man da hochklettern kann - Freeclimbing und so? Leider ist kein derartiger Wagehals auszumachen. Stattdessen jede Menge Buden mitten in der Schlucht. Die bieten von Souvernirs, Töpefereiartikeln, Häkeldecken bis zu Korbmöbeln allerlei an. Das ist weniger romantisch.

Am Ende der Klamm führen einige enge Serpentinen hinaus, bis man den Roten See (Lacu Rosu) erreicht. Das ist ein Touristenzentrum mit allem, was dazu gehört. Die Besonderheit dieses Sees besteht darin, dass dort einige Baumreste aus dem Wasserspiegel ragen. Es hat im Jahre 1838 ein Erdrutsch stattgefunden und der dabei vernichtete Wald zeigt sich heute eben auf diese Weise, das Holz soll inzwischen versteinert sein.

Damit befinden wir uns am Anstieg zu dem Pangarati Pass, 1256 m. Wie so oft bei Anstiegen schaut man sich da mal die Blumen an, und neben dem gefleckten Knabenkraut entdeckt man auch eine wildwachsende blaue Akelei. So ist der Anstieg nicht so langweilig, die Passhöhe bietet nichts besonderes. Vorbei an Familie und Gesellschaften, die sich in der schönen Natur gelagert haben und Picknick- oder Grillaktivitäten entwickeln, sind wir schnell in Gheorgheni oder Niklasmarkt. Und hier ist mal wieder ein Hotel nach Wunsch, direkt am zentralen Platz Pta Libertati, das heißt Hotel Rubin. Und diesen Nachmittag kann ich "abhängen", bin ich nun wirklich in Siebenbürgen angelangt? Ich hänge also eine Weile im Park herum, fotografiere Menschen aus der Hüfte, und mehr ist dann für heut nicht zu tun. Mit gegrillter Leber - lecker - wird der Fahrradtank aufgefüllt, und im Fernsehen gibt es Boxen.

Ein Anruf zu Hause: da verpasse man nichts, es sei kalt und regne andauernd. Hier geht aber auch gerade ein Gewitterguss nieder, aber bisher kann ich mich ja nicht beklagen.

19 Montag, 6.6., Schässburg (Sighisoara), 112 km

Es gibt ein gutes "Früschtück" - so steht es auf der Speisekarte. Heute fahren wir wieder auf der Radstrecke Nr. 2, die durch eine einsame Waldgegend führt. Zunächst muss man noch einen kleinen Pass bewältigen, der heißt P. Sicas und ist 1000 m hoch. Pech ist nur, dass man etwa auf Passhöhe sozusagen durch einen Steinbruch führt und ab da die Strecke auf 40 km Länge nicht mehr befestigt ist. Das bedeutet ein Schlagloch nach dem anderen, die so dicht liegen, dass sie nicht umfahren werden können. Dafür herrscht hier kein Verkehr, man wird wissen warum. Der anfängliche Nieselregen wächst sich nun auch noch zu einem regelrechten Regen aus, da sind die Schlaglöcher natürlich mit Wasser gefüllt und man könnte deren Tiefe nur durch Loten ermitteln. Da müsste man allerdings oft absteigen. Doch das muss ich nun doch, denn ein paar Waldarbeiter ziehen gerade mit einer Zugmaschine und Seilwinde Baumstämme quer über die Straße. Als sie eine Pause machen, kann ich das Fahrrad hinüberwuchten und schlage dabei mit dem Schienbein an. Bei der nächsten Rast ist festzustellen, da ist Blut geflossen, aber es ist nicht weiter schlimm.

Die einzig mögliche Fahrweise auf dieser Strecke ist die, sich möglichst eng an die Grasnarbe am Rand der Straße zu halten. Oftmals auch nur auf der linken Seite, aber das spielt hier keinerlei Rolle. Vorteilhaft ist allerdings, dass man bei etwas Gefälle kaum zu treten hat. Was wäre das für ein Genuss, hier bei gutem Wetter und guter Straße hinunter zu fahren. Die Landschaft ist nämlich wunderschön, immer durch Wälder, ab und zu eine verschlafene Ortschaft. Wir erreichen schließlich einen Stausee, danach ist die Straße wenigstens befestigt, wenn auch weiterhin ziemlich holperig. In einer Ortschaft sehe ich eine Kreatur, wie ich sie noch nie zu Gesicht bekommen habe. Ist das ein Schaf? Nein, es ist wohl ein Hund, der noch nie beim Friseur war. An dem hängen halbmeterlange Zotteln herunter und vorn und hinten kann man nur an der Richtung des Ganges unterscheiden. Leider ruht der Fotoapparat in der Gepäcktasche.

So kommen wir endlich in eine Stadt, die drei Namen hat. Der erste ist wohl der rumänische, der zweite ungarisch, da hier auch viele Ungarn siedeln bzw. gesiedelt haben. Der dritte ist der deutsche Name. Wie wir wissen, hat das Land Siebenbürgen 700 Jahre lang eine deutsche Kultur geprägt. Und die letzten 15 Jahre nach dem Ende des Sozialismus haben genügt, dieser langen Tradition ein Ende zu machen. Da sind sie alle in den "goldenen Westen" abgewandert. Schade eigentlich, denn dieses Land ist so schön.

Ach ja, damit man mal wieder seine Sprachfähigkeiten probieren kann, die Stadt heißt Odoheiu Secuiesc oder Szekelyudvarhely oder Oderhellen. Sonst kann ich da nichts berichten, denn man steht nur wie ein begossener Pudel herum. Von dort geht es immer an dem Fluss Tarnava Mare entlang. Der führt heute bei dem Regen einige Wassermassen zu Tale. Einmal mache ich auf einer Brücke halt, doch als zwei Lastautos gleichzeitig über diese rattern, wird einem das Erzittern der Brücke zu bedenklich. Anscheinend hält sie es aber aus.

Wir durchfahren noch die Stadt Kreutz, da sehe ich auch nichts bemerkenswertes. Nach schnurgerader Strecke und weiterem Geholper stößt man dann endlich auf die E60, wo man mal wieder daran erinnert wird, was eigentlich eine Straße ist. So ist man am Schluss dann doch schnell in Schässburg. Diese Stadt empfängt einen mit unschönen Wohnblocks aus der Ceaucescu-Zeit, aber das ist in diesem Land bei fast allen Städten so, mögen sie in ihrem Kern noch so schön oder gar Weltkulturerbe sein. So muss ich bei dem ersten Foto der Stadtkulisse die Kamera hoch genug halten, um den ringsumher brausenden Verkehr auf der Europastraße nicht mit in das Bild zu bekommen. In der Hautgeschäftsstraße wird es dann ruhiger. Die heißt übrigens Str. H. Oberth, weil jener Weltraumpionier hier seine Schulzeit verbracht hat. Deswegen hat man es in der Raumfahrt wohl so weit gebracht...

Ich bin auf der Suche nach einem Hotel, die gibt es hier zahlreich. Ein Mann spricht mich an, dem wohl mein Gepäck und der sich unschlüssig drehende Kopf aufgefallen ist. Der will mich gleich vermitteln oder einladen, aber wir können uns nicht verständigen, in Ungarisch vielleicht? Habe ich leider mit Frau Josefne (s.o. in Tokaj) auch schon vergeblich versucht. So zockele ich weiter die Straße entlang und finde genau, was ich suche: Hotel Claudiu, und dort buche ich für zwei Übernachtungen, es muss mal ein Ruhetag eingelegt werden, noch dazu in dieser schönen Stadt, die eines der Ziele dieser Reise ist. Als ich das Zimmer betrete, muss ich gleich ein Foto machen, ehe das ganze Gerödel aus den Packtaschen die Szene verunziert. Hier stimmt alles, vom Zahnputzbecher bis zur Minibar. Da kostet übrigens eine Flasche Wodka 3 EUR, aber da lasse ich die Finger davon. Eine Flasche Bier kostet 1.50 EUR, da sollten sich die "westlichen" Hotels mal ein Beispiel nehmen. Dort benutzt man die Minibar nämlich meistens nur als Kühlschrank für Getränke aus dem Supermarkt. Auch der Ausblick ist interessant, zwar nicht über die Dächer der Stadt, aber auf einen Hinterhof mit einer interessanten Konstruktion von - sagen wir mal - kommunizierenden Regenrinnen.

Danach lande ich wieder in einer Pizzeria und gehe noch einmal um den Stundturm, dem Wahrzeichen Schässburgs. Eine gründlichere Besichtigung hebe ich mir für morgen auf, da werde ich genügend Zeit haben.

20 Dienstag, 7.6., Schässburg

Hier gibt es sogar ein Frühstücksbuffet und die Rezeptionsdame kommt extra mit hinunter in das Restaurant, um mein Treiben diskret hinter der Bar zu überwachen. Danach begebe ich mich in einen Internetladen, denn wir verpassen nichts - es regnet leicht. Nun kann ich endlich die zahlreichen Spam-Mails löschen und Grüße an zu Hause, Freunde und (ehemalige) Kollegen schicken.

Im Laufe des Tages klart es auf und der fällige Rundgang kann stattfinden. Hinter dem Stundturm ist ein kleiner Platz mit Souvernirbuden. Da steht auch das Dracula-Haus. Die omnipräsente Legende um Dracula hängt mir allerdings zum Hals raus, deswegen bin ich nun wirklich nicht hier. Also links ab und bergauf, da steht man schon vor dem "Schülergang", das ist eine überdachte Treppe hinauf zu der "Deutschen Bergschule". Für heute ist der Gang gesperrt, da finden Filmaufnahmen mit einer Theatergruppe statt. Also muss man außen rum und gerät dabei auf den Bergfriedhof, der einer der schönsten Siebenbürgens sein soll. Wahrhaftig haben die hier ruhenden (alles deutsche Namen) eine schöne Aussicht. Aber ihre Hinterbliebenen werden wohl inzwischen in deutschen Landen weilen?

Dann geht es in die Bergkirche, da muss ein geringes Eintrittsgeld gezahlt werden. Fotografieren ist aber nicht erlaubt. Das wohl, weil man lieber die Ansichtskarten verkauft, und unsere fernöstlichen Freunde, die hier auch schon hergefunden haben, bedienen sich auch eifrig. So müsste man sich hinsetzen und aufschreiben, was man so sieht. Oder abschreiben, denn man kommt ein Blättchen mit Informationen mit auf den Weg, muss es hinterher aber wieder abgeben. Belassen wir es einmal mit einer Sammlung kostbaren Truhen (Henndorfer Truhen und so...), die man aus dem ganzen Lande zusammengetragen hat und hier ausstellt, nachdem sie z.T. mit Hilfe von Exkursionsgruppen aus Deutschland (Hildesheim) restauriert worden sind.

Nun aber zum Stundturm, den muss man ja bestiegen haben. Auch das ist nicht umsonst, aber es gibt ein Vergünstigungsticket für "Foreigners", damit kann man auch die angeschlossenen Museumsräume besichtigen. Ein Raum ist jenem legendären Herrmann Oberth gewidmet, wie er an allerlei Raketen gebosselt hat. Auch in Peenemünde war man - wie wir wissen - mit nicht ganz so hehren Zielen zugange. In einem anderen Raum ist ein interessantes Modell der mittelalterlichen Stadt zu sehen. Die Stadt ist von einer Befestigungsmauer mit etlichen Wehrtürmen umgeben und befindet sich eben auf diesem Berg. So viel scheint sich seit früheren Zeiten nicht verändert zu haben - deswegen Weltkulturerbe. Beim weiteren Aufstieg sieht man einmal das Uhrwerk der Turmuhr, sowie die hölzernen Figuren, die Stunden und Wochentage anzeigen. Die haben ein "Hohlkreuz", soll heißen, sie sind hinten ausgehöhlt, vielleicht um Gewicht einzusparen?

Nun hat man aber eine tolle Aussicht über die alten Dächer, das ist schon eine recht verwinkelte Sache dort unten. Zum Abschluss ein Blick in die Folterkammer, da werden auf Schautafeln "technische Zeichnungen" jener Zeit erläutert. Streckbank, Fingerquetsche, Stachelwalzen, alles da, auch den Galgen hat man nicht vergessen, mit dem dann wohl die Folterqualen abgeschlossen wurden. Da haben die Menschen jener Zeit Heiligtümer und zeitlose Kunstwerke geschaffen, und dann so was?

Damit sind wir wieder unter den Lebenden, es gibt noch ein Omelett mit Käse. Schließlich klingt dieser Tag in Schässburg aus und man darf schon wieder weiter planen.

21 Mittwoch, 8.6., Fagaras,  90 km

Nach dem Frühstück (unter Aufsicht) kann es wieder losgehen, doch mit der Visacard auschecken kann man nicht, der Apparat ist kaputt (33 EUR pro Nacht mit Frühstück). Da muss der Bankomat noch einmal mit ein paar Millionen aushelfen. Heute wollen wir einige der legendären Kirchenburgen sehen. Die lassen nicht lange auf sich warten. Wir sind auf der Landstraße 106 (Radroute 8) unterwegs, und die ist in einem sehr guten Zustand. Das Wetter ist noch etwas dunstig, die Bergkämme hängen in den Wolken bzw. umgekehrt. Wir kommen in den Ort Apold, da liegt ein Hund selig schlummernd am Straßenrand und eine Katze ihm gleichtuend oben drauf. Das hätte die mal bei unserem Hund Otto (Beagle) versuchen sollen. Und da ist sie, die erste Kirchenburg in Apold oder Trappold. Leider ist sie nicht im besten Zustand.

Ich habe mitunter ein kleines Problem, im Nachhinein die Bilder den richtigen Orten zuzuordnen. Das ließe sich vermeiden, indem man unterwegs die Angelegenheiten notiert. Aber man ist ja kein Bürokrat, außerdem stets sicher, dass man die Dinge später auf Reihe bekommt. Dem ist leider nicht so. Aber von der Kirchenburg in Apold findet sich ein Bild im Internet - besser als meines und bei Sonnenschein.

Wenn man ein Stück weiter gefahren ist, lohnt sich noch einmal ein Blick zurück, wie diese Kirche mit den Wehrtürmen über dem Ort thront. Der nächste "urige" Ort ist nach einer kleinen Bergüberschreitung Bradeni, Henndorf, auch dort eine Kirchenburg und ein See. Dann geht es schnurgerade nach Agnita, Agnethen. In den Ort muss man einen Abstecher machen, weil die weitere Straße schon vorher abzweigt. Aber es lohnt sich. Hier gibt es eine gut erhaltene Kirchenburg. Danach wird die Strecke immer schöner und die Orte auch. In Gross-Schenk gibt es eine herkömmliche Kirche mit spitzem Turm, in Klein-Schenk dagegen wieder eine Kirchenburg - wenn es denn nun schon interessiert. Einem Storch begegne ich noch, er auf der Wiese, ich allerdings nicht. Der schlingt tatsächlich gerade was runter, einen Frosch oder eine Maus? Er verrät es nicht und wendet sich weiteren Beuteopfern zu. Die Jungen im Nest, falls es sie schon gibt, mögen es ihm danken, wenn er dann alles wieder rauswürgt.

Nun schlagen wir das Bilderbuch für heute zu, indem wir für die letzten Kilometer auf die Hauptstraße mit der fatalen Nummer 1 oder E 68 einbiegen. Machen wir noch die Beobachtung, dass die Fenster der Häuser zur Straße hin hermetisch durch Rollläden verschlossen sind, sind sie unbewohnt oder blüht ein Leben dahinter? Mit Hunden, Hühnern und Gänsen? Wir wollen es hoffen. Schnurgerade geht es nach Fagaras mit reichlich Verkehr, da ist man froh, wenn man ankommt.

Die übliche Suche nach einem Hotel endet in einer Seitenstraße an der Pension Flora (22 EUR), wo man mal wieder ein ausgewachsenes Wohnzimmer beziehen kann. "Deutsch, Stuttgart, München" werde ich begrüßt. Und einen Kaffee bringt man sogleich: "Kaffee nix kosten". Die Stadt ist nicht so anheimelnd, da ist die Durchgangsstraße verkehrsreich und vierspurig, gesäumt von den üblichen Wohnblocks. Eine Art Wasserburg gibt es auch, die passt hier irgendwie nicht hin, war aber sicher früher da als das Drumherum. Nach einigem Suchen finde ich tatsächlich ein sehr nettes Lokal, dazu muss man nur ein Gebäude durchqueren, an dem "Fast Food" ausgeschildert ist. Das ganze nennt sich dann Crama Bulevard und bietet auf der Rückseite eine Freiluftterrasse und eine Kellertaverne. Ich verziehe mich in den Keller, an der Luft war man ja den ganzen Tag, außerdem ist es wieder etwas regnerisch. Ich genehmige mir wieder - entschuldigt meinen Abwechslungsreichtum - eine Forelle, dazu heute mal, weil man hier so nett sitzt, drei Bier, alles zusammen 8 EUR. Der junge Mann, womöglich heißt er ADI, wie es auf seinem T-Shirt angeheftet ist, bringt sogar noch Zahnstocher vorbei - als ob er hellsehen könnte!

22 Donnerstag, 9.6., Brasov (Kronstadt),  83 km

Es wird die letzte Etappe werden - leider - aber die Stadt Brasov hatte ich als Endstation ausersehen, und von dort soll es einen Nachtzug nach Wien geben. Zunächst ein ordentliches Frühstück in der Pension Flora, dann hinaus in den Sonnenschein, der allerdings einen ordentlichen Gegenwind aus Richtung Osten mit sich bringt. Da sind die ersten 14 km bis Sercaia bei gefährlichem Verkehr eine lange Strecke. Und alles schnurgeradeaus. Zur rechten liegt die beeindruckende Kulisse des Fagaras-Gebirges mit bis zu 2500 m hohen Gipfeln wohl der höchste Gebirgsteil der Karpaten. Sieht ganz ähnlich aus wie die Hohe Tatra oder die Alpen bei Föhn. Darauf kann man sein Augenmerk nur schwerlich richten, wenn einen gerade ein Schwerlaster mit null Seitenabstand bei Gegenverkehr überholt.

Endlich kann man abbiegen auf die Straße 73 A (Radroute 3), die durch das Sinca-Tal hinauf führt. Das ist nun noch einmal eine Traumstrecke, gute Straße (zunächst) durch ein waldreiches Tal, das schließlich immer enger und verwunschener wird, und man fragt sich, wie man da wohl wieder raus kommt. An den steilen Hängen hat man kleine Äckerchen angelegt, mit Kartoffeln und was man sonst so braucht. Im letzten Ort versammelt man sich wohl gerade zu einer Beerdigung, jedenfalls sind Einwohner mit Kränzen unterwegs. Ein anderer Einwohner dagegen wäscht gerade seine Hemden im Bach.

Aus dem Tal geht es raus wie immer: über eine Steigung. Vor mir schiebt einer mit dem Moped rechts in den Wald, der kennt wohl eine Abkürzung. Das stimmt, denn als ich die Passhöhe erreiche kommt er gerade aus den Büschen raus, trotzdem hat er länger gebraucht als ich. Er fährt dann im Leerlauf die Abfahrt runter, die nun leider wegen der ungenießbaren Oberfläche eben kein Genuss ist. An der nächsten Tankstelle sehe ich den Mopedfahrer wieder - aha, der hatte kein Benzin mehr.

Damit sind wir in dem Ort Zarnesti. Um den zu sehen, muss man wieder einen Abstecher machen "Centru" ist angesagt. Das kann man aber auch bleiben lassen, außer man will die hässlichsten Wohnblocks sehen, die es bisher zu sehen gab. Einige sind wohl nie fertiggestellt worden, trotzdem leben da Menschen. Es ist alles sehr verwahrlost, im Hintergrund drohen Industrieanlagen. Auf ein Foto verzichte ich - nachher kriege ich womöglich wieder die Hucke voll? Doch dann ist da eine Markthalle, die sieht ganz urig aus. Als ich die Kamera auspacke, werde ich schon von einem kleinen Jungen angebettelt, und da wird das mit dem Foto wieder nichts.

Im Internet sieht die Recherche über diesen Ort ganz anders aus: der eigentliche Ort befindet sich anscheinend hinter diesen fürchterlichen Blocks und ist ein Zentrum für alle Arten von Abenteuersportarten zwischen Free Climbing und River Rafting und hat außerdem noch eine große Geschichte. Damit man hier nicht falsches verbreitet..., man kann sich ja auch mal irren!

Das Phänomen ist ein anderes - nicht so wichtig für die Stimmungsbilder der letzten Kilometer - aber für den Radelgenuss: ich habe nun einen extremen Rückenwind, da kenne sich einer aus. Da kann einen auch keiner die 5 km seitwärts nach Schloss Bran locken, was es für mich mit dem Dracula auf sich hat, habe ich ja schon mit einem Satz abgewürgt. Das ordnen wir mal in die Kategorie "Disneyland" ein. Sorry!

Lasst uns nach Brasov segeln, vorbei an der Stadt Rosenau mit einer Burg auf dem Berg. Da muss ich nicht hoch, ich habe ja den Zoom in der Kamera. Dann kommt man nach Brasov. Und das ist fürchterlich. So einen Verkehr habe ich auf der ganzen Fahrt und auch sonst noch selten erlebt. Nun muss man wohl einsehen, dass hier im Karpatenknick etliche Verkehrsströme zusammen treffen. "Centru" ist angesagt, und da geht es rechts ab, eine lange Straße rauf und die heißt Str. Lunga. Man kommt auch direkt an den ersten Hotels am Platze vorbei, dem Aro Palace und dem Capitol, beide nicht dem bisher gewohntem Preisniveau gerecht werdend. In der Touristeninformation zeichnet man mir auf dem Stadtplan einige Billigpensionen ein, und auf dem Weg dorthin gerate ich an das Hotel Coroana in der Str. Republicii. Ja und das ist es doch, das im Rumänienführer als Traditionshotel bezeichnet wird und gar nicht so teuer sein soll? Na ja, 45 EUR kostet es schon, aber dafür ist man am Ende der Reise angekommen und nahe dem Zentrum untergebracht. Soviel Luxus muss sein. Das Zimmer ist auch sehr gut, nur die Badewanne nicht ganz sauber - sorry. In den beiden Nobelhotels erkundige ich mich später auch nach dem Zimmerpreis, die kosten 60-90 EUR, nur zur Warnung!

Bevor man sich irgendwie in der schönen Stadt Brasov umschaut, muss die Angelegenheit mit der Rückreise geklärt werden. In der Touristeninformation winkt man gleich ab: es sei gerade ein Eisenbahnerstreik, da ginge gar nichts. Die gleiche Auskunft bekomme ich an der Rezeption des Hotels. Also auf zum Bahnhof, das sind allerdings 3 km durch Stadtbereiche, die nicht zu den schönsten von Brasov gehören. Am Bahnhof (man pumpt gerade den vom vorherigen Regen überfluteten Vorplatz frei) bekomme ich am Schalter für Auslandsreisen problemlos ein Ticket nach Wien für den Zug morgen abend. Nur bezahlen (100 EUR) kann ich nicht, die Lei reichen nicht und die Creditkarten funktionieren nicht. Also alles wieder zurück, noch mal ein paar Millionen aus dem Bankomat, das Fahrrad aus dem Hotel geholt, und so ist der erneute lange Weg zum Bahnhof ein Klacks. Nun kann ich die Fahrkarte einlösen, eine Fahrradkarte gibt es dagegen nicht.

Für eine Stadtbesichtung bin ich nun nicht mehr geschaffen, ich freue mich auf das Chinarestaurant an der Piata Sfatului, das ist in dem Reiseführer als womöglich bestes Lokal in ganz Rumänien beschrieben? Als ich eintrete - oh je, kein weiterer Gast -  muss ich die Kellner aufschrecken, die an einem Tisch vor sich hin dösen. Das Interieur ist allerdings bemerkenswert, zum Glück habe ich die Kamera dabei und kann unauffällig ein Foto machen. Die Bedienung ist nun sehr beflissen und ich erhalte ein Entengericht mit Pilzen. Da hat wohl einer mit dem Beil die Entenkeule in Stücke gehauen, denn man muss um einige Knochensplitter herum kauen. Nun gut, man wird satt, das ist schließlich die Hauptsache.

23 Freitag, 9.6., Brasov

Das Frühstück ist leider nicht das, was man erwarten könnte, es wird in einem Cafe um die Ecke eingenommen. Nun wollen wir uns endlich den Sehenswürdigkeiten der Stadt zuwenden. Von dem zentralen Platz Sfatului war schon die Rede. Da baut man heute morgen die Stände zum Verkauf von hölzernen oder tönernen Kunstwerken, Souvernirs, Blumen oder Obst auf. Es gibt zahlreiche Bänke, wo sich die ersten Flanierer in die Sonne setzen. Ich strebe der "Schwarzen Kathedrale" zu, die keineswegs schwarz ist. Ihren Namen hat sie von einem Brand während der Bauzeit (vor einigen Jahrhunderten), da sei wohl einiges schwarz gewesen. Man muss ein wenig Eintritt zahlen und nun weiß ich wieder nicht mehr, was da alles zu sehen war. Nur die Schautafeln über die Restaurierungsarbeiten (vorher - nachher) - die sich über Jahre hingezogen haben, sind mir in Erinnerung.

Dann interessiert mich die "Seiler Gasse", Str. Sforii, das soll eine der engsten Gassen Europas sein. Da patroulliert auch gerade ein Uniformierter auf und ab. Die Polizei ist übrigens in dieser Stadt gut vertreten, so dass man keine Angst vor Taschendieben oder dgl. haben muss. Nun gibt es einen Aufgang zur Stadtmauer und darüber die Seilbahnstation hinauf zum Belvedere, dem Aussichtspunkt 700 m höher. Das muss man gesehen haben! Von der oberen Station sind es dann noch 15 Minuten Weg bis zur Aussichtsrampe, wo in mächtigen Buchstaben "Brasov" angezeigt wird, damit man immer weiß, wo man ist. Der Ausblick ist tatsächlich grandios und die Kameras schnurren. Ich mache wie immer ein Panoramafoto, einmal von links nach rechts durchgezogen. Den Platz und die schwarze Kirche kann man heranzoomen, die sehen aus wie Spielzeuge von hier oben.

Nun setzen wir uns eine Weile auf einer Wiese in die Sonne und finden alles prima! Dass man gut her gekommen ist, eine Fahrkarte hat und das Wetter so schön ist. Nur der Wind weht recht heftig aus westlicher Richtung, da hätte man einen schönen Gegenwind gehabt, wenn man noch eine Etappe nach Sibiu (Herrmannstadt) oder so drangehängt hätte. Dann geht es wieder hinunter, nun ist es erst Mittag und der Tag ist noch lang. Noch ein Blick in die russische Kirche, da bleibe ich lieber draußen, drinnen wartet man schon, womöglich muss man noch eine Kerze für sein Seelenheil erstehen und den anderen bereits vor sich hin schmelzenden Lichter zugesellen?

Den Nachmittag hänge ich ab in einem kleinen Park. Dort ist auch ein Gedenkstein an die Opfer der Revolution 1989. Es war mir nicht bewusst, dass diese doch so blutig stattgefunden hat, denn diese Stadt hat so an die 50 Opfer zu beklagen. Um die Ecke ist ein riesiger Supermarkt - alles vom feinsten. Das bedeutet sicher nicht, dass der Lebensstandard bereits westliches Niveau erreicht hätte, kaufen können hier nur die, die auch entsprechend verdienen, und das mag der kleinere Anteil der Bevölkerung sein. Gerne hätte ich meiner lieben Frau Heidi eine Pralinenschachtel mitgebracht, da steht nämlich "Heidi" drauf. Aber meine Lei reichen nicht mehr. Für eine Fanta und ein paar Kekse reicht es gerade noch.

Am Hotel hole ich gegen 16 Uhr Gepäck und Fahrrad ab, und bin dann - Rentnersyndrom - zwei Stunden zu früh am Bahnhof. Die müssen nun auch noch abgehangen werden. Endlich auf dem Bahnsteig stelle ich mit Schrecken fest, dass der Zug keinen Gepäckwagen mitführt, das kann ja heiter werden - und wird es dann auch, zur Nachahmung nicht empfohlen. Als der Zug pünktlich einfährt - von einem Eisenbahnerstreik keine Spur - steige ich mit dem Rad unterm Arm in den Wagen, wo mein Liegeplatz reserviert ist. Man hilft mir sogar dabei und niemand murrt, dass man sich nun kaum mit dem jeweiligen Gepäck an mir und dem alles versperrenden Rad vorbei zwängen kann. Da erscheint auch schon die dralle Wagenschaffnerin samt Kollegen, die sprechen zum Glück Wienerisch. Das ginge ja nun ganz und gar nicht, in diesem Zug würden keine Fahrräder transportiert. Das Rad müsse mit in das Abteil - die Mitreisenden werden sich freuen, wenn da ein Fahrrad sich mit auf der Liege räkelt. Doch dem Kollegen, der sonst nicht viel sagt, fällt was ein: da ist doch ein unbenutztes Dienstabteil? Das wird nun aufgesperrt und das Rad passt tatsächlich hinein. Ich könnte die beiden Bahnschaffenden schier umarmen.

Endlich fährt der Zug an, die schroffen Karpatengipfel zeigen sich noch einmal in ihrer ganzen Schönheit, ich komme gar nicht weg vom Fenster, bis die Berge in der Ferne verblassen. Außerdem höre ich aus den Fahrgeräuschen eine frohe Melodie nach der anderen heraus, was man verstehen wird. Und da kann man gut schlafen (obere Liege, Kopfkissen und Leinenbezug vorhanden). Nachts um zwei Uhr ist allerdings die Kontrolle an der ungarischen Grenze. Da bauen zwei Zollbeamte die Oberbeleuchtung im Abteil aus und kontrollieren mit Taschenlampen, ob über der Deckenverkleidung vielleicht ein blinder Passagier, Drogen oder vielleicht auch ein Fahrrad versteckt sind. Das ist nicht der Fall.

Gegen 9 Uhr morgens sind wir in Wien, wo allerdings ein Anschluss nach Passau mit Radbeförderung nicht so einfach zu finden ist. So geht es erst einmal nach Linz, wo man Zeit genug hat, eine Stadtbesichtigung vorzunehmen. Am Spätnachmittag bin ich erst in Passau, wo ich in dem  mir aus dem Jahr 1987 bekannten Hotel "Wilder Mann" in der Nähe des Flüssedreiecks Donau/Inn absteige. Und ich gehe noch einmal chinesisch essen (Jasmin, Residenzplatz). Und diesmal ist das Gericht erstklassig, sorry Brasov.

Am Sonntag geht es nach Hause, das ist zunächst nur mit dem Wochenendticket angesagt, da alle ICs ausgebucht sind, - das bedeutet 7 mal umsteigen und über 12 Stunden Fahrzeit. Die Fahrradabteile quellen über vor Fahrrädern, so 30 an der Zahl. "Aber es sind doch gar keine Ferien?" "Das sind die Rentner!" bekommt man zur Antwort. In dem Weltort Plattling fällt schon mal der erste Anschlusszug aus, sodass der ganze Fahrplan für diesen Tag durcheinander kommt. Aber ich habe mir drei Versionen ausdrucken lassen, da bleibt man im Bilde. Regensburg, Hof (Vogtlandbahn), Zwickau, Leipzig sind die nächsten Stationen. In Leipzig kann ich schließlich in einen abfahrbereiten IC mit leerem Fahrradabteil hüpfen, der direkt über Braunschweig fährt, man muss allerdings für die zwei Stunden, die ich nun früher zu Hause bin, 25 EUR nachbezahlen. Das lässt sich verschmerzen, denn dann ist die Freude meiner lieben Frau Heidi und natürlich Hund Otto unbändig, als wir drei uns nach all den überstandenen Abenteuern glücklich in den Armen bzw. Pfoten liegen.