Venedig
14.5.-20.5.2011

Vorgeschichte, Planung und Anreise

Seit wir verheiratet sind, wollten wir unsere Hochzeitsreise nach Venedig machen. Womöglich auch nachträglich. Daraus ist dann nie etwas geworden. Inzwischen haben wir trotzdem Kinder bekommen und die sind inzwischen längst erwachsen. Irgendwann haben die das mitbekommen - mit unserem Venedig-Gerede. Kurzerhand schenken sie also gemeinsam ihrer Mama zu einem runden Geburtstag eine Reise nach Venedig. Der Papa darf auch mitfahren, denn der bezahlt das Hotel. Dieses haben die Kinder samt Hin- und Rückflug im Internet ausgesucht und gebucht. Das Hotel heißt Ca' Vendramin und liegt nicht weit von der Rialto-Brücke im Bezirk Cannaregio. Wenn man den verfügbaren Bildern Glauben schenkt, handelt es sich um einen regelrechten Palazzo. Zum Geburtstag wird in einer Mappe die liebevolle Präsentation der Reise überreicht, und wie erwartet, fließen die Tränen (vor Freude).

Für mich (den Papa) gibt es eine Vorgeschichte aus der Studentenzeit Anfang der 70er Jahre. Die Fachschaft Mathematik der TU Stuttgart hatte eine Exkursionsreise angeboten. Wohin machen nun Mathematiker eine Exkursion? Man hatte sich die Grabstelle des berühmten Mathematikers Bernhard Riemann am Lago Maggiore ausgesucht, der u.a. das Integral und andere schwer verständliche Zusammenhänge in der Funktionentheorie gefunden hat (wo die imaginäre Wurzel aus minus 1, genannt i, die Hauptrolle spielt). Da ich wenig Kontakt zu meinen Kommilitonen hatte, war es angezeigt, das zu ändern, um für die Prüfungsvorbereitungen der bald anstehenden Diplomprüfung vielleicht Mitstreiter zu finden. Das hat bei der Gelegenheit auch geklappt, und so verdanke ich jener Reise letztendlich das Gelingen des Studiums. Nur das Grab des Riemann haben wir nie gesehen, weil der Bus nicht auf die Fähre über den Lago Maggiore passte. Aber es war auch ein Besuch der Lagunenstadt eingeplant, und so habe ich damals Venedig schon einmal gesehen. Bei strömendem Regen! Daher sind die Erinnerungen an die Eindrücke jener Zeit etwas verwaschen.

Sonntag, 15.5.

Der Flug nach Venedig mit Air Berlin soll nun am Sonntagvormittag von Hamburg aus starten. Um rechtzeitig dort zu sein, müssen wir schon einen Tag früher mit Bahn und Niedersachsenticket nach Hamburg anreisen und eine Übernachtung im Radisson Hotel am Flughafen in Kauf nehmen. Man gönnt sich ja sonst nichts - diesen Spruch können wir des weiteren noch gut gebrauchen. Aber so können wir uns auch mit unserer Tochter Stefanie verabreden, die in Hamburg beim Jumbo Verlag (Hörbücher) tätig ist. Wir treffen uns am Bahnhof Altona, und suchen uns aus dem reichhaltigen Programm, das unsere Tochter sich ausgedacht hat, den Besuch des Botanischen Gartens in Klein Flottbek aus. Anschließend besichtigen wir noch ihre jetzige und nebenan vielleicht zukünftige Wohnung und landen schließlich in einem italienischen Restaurant, um eine Pizza zu uns zu nehmen, sozusagen als Vorgeschmack auf die kommenden Tage. Am Ende verabschieden wir uns an der S-Bahn Linie 1, indem wir uns zwischen schließenden Abteiltüren in den fast schon abfahrenden Zug zwängen. Beinahe wären unsere ehelichen Bande bei diesem Manöver zumindest örtlich getrennt worden, und dann wäre guter Rat teuer gewesen. Das nächste Mal warten wir lieber die 10 Minuten auf die nächste Bahn. Bei der Ankunft am Flughafen herrscht strömender Regen, aber der Weg von der S-Bahnstation zum Hotel lässt sich unterirdisch durch die Parkdecks zurücklegen. Der vorsorglich mitgeführte Regenschirm erweist sich als defekt, der kann gleich entsorgt werden. Auch auf dieses Thema werden wir zurückkommen.

Nach einem Frühstück, das jenem im Kempinski auf Gozo, wo wir im letzten Jahr kostenfrei (s. dort) hinein gestolpert sind, nur wenig nachsteht - es gibt auch Lachs - finden wir uns rechtzeitig an den Flugschaltern ein. Bei der Sicherheitskontrolle kann man wählen, ob man durch den Körperscanner geht - oder nicht. Ist das der berühmte Nacktscanner? Keine Ahnung, uns macht das nichts aus, sofern das nicht gleich auf einer Großleinwand übertragen wird. In meinem Fall wird moniert, dass ich das Taschentuch aus der Hosentasche nicht herausgenommen hätte, als ob das explodieren könnte, oder was? Nun aber geht der Flug regulär vonstatten, am Ende sieht man die Lagune von Venedig unter sich mit bizarren Mustern der Land-Wasserstrukturen und im Dunst die Stadt selbst - die Serenissima. Wir hatten noch zu Hause die Wettervoraussage bemüht: sie stimmt, es herrscht strömender Regen und ein kalter heftiger Wind.

Leider hatten wir uns nicht darauf vorbereitet, was nun zu tun ist, wenn man nicht von einer Empfangsdame mit kennzeichnendem Plakat, passend zu den Kofferanhängern, begrüßt wird. Inzwischen haben wir es gelernt, und vorgreifend sei es mitgeteilt. Man begibt sich zuerst zu den Schaltern der Nahverkehrsbetriebe ACTV und kauft sich eine Dauerkarte für die Zeit des Aufenthalts. Dann kann man alle Busse und Transportboote - die Vaporettos - ungeniert benutzen. Vom Flughafen nimmt man zunächst einen Bus zum Piazzale Roma in der Nähe der Bahnstation Ferrovia. Eine Bootsverbindung auf die Dauerkarte gibt es in beiden Richtungen nicht. Wir haben nun erstmal ohne Dauerkarte 10 EURo p.P. aufzuwenden um mit einem sog. Expressbus nach Venedig zu gelangen.

An jenem besagten Piazzale Roma pfeift der Wind und Regen, und in einem Wartehäuschen suchen wir Schutz. Nahebei finden wir dann so etwas wie einen Kanal. Da kommt auch schon ein Boot heran gebraust. Und ehe wir uns zu versehen sind wir selbst und die Koffer an Bord verladen und man braust los in Richtung Ca' Vendramin, dem Hotel. Der Bootsfahrer gibt Vollgas, unsere geografischen Kenntnisse sind auch gleich Null, und so geht es über die offene Lagune bei  rauer See in voller Fahrt dahin. Derweil sitzen wir in der gemütlich geheizten Kabine und beglückwünschen uns, dass das so gut geklappt hat. Nur die Koffer auf dem Vorderdeck kriegen so manche Gischt und überschwappende Wogen zu spüren. Hoffentlich sind sie wasserdicht! Schon sind wir am Anleger des Hotels angekommen, lassen uns und die nassen Koffer ausladen. "Quanta Costa?" "Sixtie" "Sixteen?" "No, Six and Zero!"  Schluck, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Da muss man durch, obwohl man im Reiseführer Marco Polo nachlesen kann, dass man sich vor den Wassertaxis in Acht nehmen sollte. Sie sind das teuerste Verkehrsmittel überhaupt. Ein Trinkgeld muss man in diesem Fall wirklich nicht zahlen. Auf dem Stadtplan kann man später feststellen, dass unser Bootsführer wahrlich nicht den kürzesten Weg genommen hat.

Immerhin sind wir nun in unserem Hotel ohne Schirm und Fußmärsche einigermaßen trocken angelangt und werden herzlich empfangen. Nach dem Einchecken werden uns die Koffer nach oben in unser Zimmer gebracht, da ist natürlich dann doch ein Trinkgeld fällig. Unser Zimmer ist zweigeschossig. Unten ist das Badezimmer, und eine Treppe höher der Wohnbereich. Der besteht aus einem Doppelbett, einem Stuhl und einem Fernsehgerät, auf dem man neben den landesüblichen Sendern nur das ZDF empfangen kann. Bei einem Stuhl kann sich einer setzen und der andere muss sich auf das Bett legen, und das bin meistens ich. Bei nur einem für uns verständlichen Fernsehsender ist auch die Möglichkeit gegeben, ein Buch zu lesen z.B. "Die Liebenden von San Marco" (Charlotte Thomas).

Nachdem wir die Koffer ausgepackt haben - es sind keine Wasserschäden festzustellen - treibt es einen nun doch nach draußen. Zuerst wird am nächstbesten Straßenkiosk ein Schirm für 5 EURo erstanden, damit man sich in diesem Regen bewegen kann. Später werden wir feststellen, dass im Hotel ein Schirmständer mit so um die 10 Schirmen herumsteht, wo man sich wohlgefälligst hätte bedienen können. Stattdessen wird schließlich unser Schirm in besagtem Sammelbehälter landen, weil wir ihn nach dem einen Regentag weder in einem Koffer verstauen noch beim Rückflug durch die Sicherheitskontrollen schleusen könnten (Bajonettverdacht).

Nun erleben wir Venedig im Regen, wie alle anderen Touristen auch. An allen Ecken sieht man kleine Elendshäufchen von verkrüppelten Regenschirmen, die den Unbilden der Natur nicht stand gehalten haben. Nun hat Venedig sicher größere Umweltprobleme als entsorgte Regenschirmwracks, so kann man das eher lustig sehen. An der Rezeption unseres Hotels haben wir auch einen Stadtplan überreicht bekommen, sodass man sich in den verwinkelten Gassen einigermaßen orientieren kann. Im übrigen sind die Wege zu den Hauptattraktionen wie der Rialtobrücke oder dem Markus Platz gut ausgeschildert. An der Rialtobrücke erreichen wir zum ersten mal den Canale Grande. Ja, so stellt man sich Venedig vor! Sogar bei Regen macht das schon was her. Wir schlagen uns weiter bis zum Markus Platz durch. Heidi war nur schwer davon abzubringen, ihre Gummistiefel mitzunehmen. Zwar steht der Markus Platz heute nicht unter Wasser, aber nasse Füße haben wir auch so.

Ab und zu stolpern wir in eine Kirche, von denen es wohl etliche gibt. Ausgestattet mit einer neuen Kamera (Nikon  Coolpix  S9100), die es zu meinem letzten Geburtstag gab, ist man nun auch in der Lage, anständige Innenaufnahmen anzufertigen. Zuvor hatte ich immer neidisch auf die Displays fotografierender Touristen geschielt, die gestochen scharfe Ansichten im Visier hatten, während meine Kamera nur das rote Alarmlicht wegen unzulänglicher Lichtverhältnisse meldete. Irgendwann haben wir schließlich gemerkt, dass das Fotografieren und Filmen in den Kirchen meistens untersagt ist, danach war es dann aus mit dem Vergnügen. Ein paar Bilder hat man immerhin stibitzt.

Mit unseren nassen Füßen machen wir uns an den Rückmarsch. Gleich zu Beginn unseres Spaziergangs hatten wir vorhin den Supermarkt Billa gleich um die Ecke bei unserem Hotel entdeckt. Dort gibt es sogar das gleiche Bier wie bei unserem letzten Urlaub auf Madeira: Bavaria 89 sowie eine ansprechende Auswahl an Weinen. So versorgt man sich für den Abend und dann begeben wir uns in die nahegelegene Pizzeria Pasqualigo zum Abendessen. Heute kann man nicht draußen sitzen, doch drinnen tagt eine muntere Gesellschaft, zusammengesetzt aus drei Generationen und an die 20 Personen und ein paar Hunden. Man kann sich vorstellen, dass es da sehr lebhaft zugeht. Doch bald bricht die Corona auf und es wird ruhiger. Der Kellner verdreht die Augen. "Acht Stunden!" stöhnt er, sichtlich geschafft.

Wir bestellen erst einmal wie wir es gewohnt sind, ein großes Bier. Und schon kommen zwei Maßkrüge mit wohl einem Liter Bier darin. Kostenpunkt 12 Euro pro Humpen. Und bei der reichhaltigen Pizzamahlzeit fällt es einem am Schluss schwer, das alles in seinem Inneren unterzubringen. Da sind wir froh, dass wir nur um zwei Ecken und über eine Brücke zurück zu unserem Hotel zu bewältigen haben. Nun hat auch schließlich der Himmel ein Einsehen und belohnt uns nach all dem Regen mit einem Ausblick auf ein sonnenbeschienenes Türmchen aus unserem Zimmerfenster.

Montag, 16.5.

Schaut man aus dem Fenster, so strahlt die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Zuerst genießen wir das familiäre Frühstück in kleinem Kreis, denn das Hotel Vendramin hat nur wenige Zimmer. Das Buffet bietet alles, was man so braucht, es muss ja nicht immer Lachs und Kaviar sein. Anschließend gilt es, sich um die Verkehrsmöglichkeiten zu kümmern, namentlich um jene Vaporettos, den Wassertransportbooten, die in und um Venedig herum schwärmen. Dazu begeben wir uns zum nächsten Anleger, dem Ca' d' Oro. Der liegt neben einem der eindrucksvollsten Paläste am Canale Grande, eben jenem Ca' d' Oro oder Goldenem Haus. Es hat wohl die prächtigste Marmorfassade der Stadt, so ist im Reiseführer zu lesen. Aber dafür haben wir zunächst keinen Blick. Es geht eher darum, ein Ticket für das nächste Vaporetto zu erwerben. Dafür gibt es einen Ticketautomaten. Die 3-Tageskarte kostet 33 Euro, aber wir haben ja 5 Tage vor uns. Da bleibt nur das 7-Tagesticket für 50 Euro. Leider kommt man mit dem Automat nicht klar - wie gewöhnlich, und schon besteigen wir das nächste Vaporetto, vielleicht kann man das dann an Bord erledigen. Doch ein Blick in das Portemonnaie ergibt, dass nur 90 Euro verfügbar sind.

So kommen wir also nicht weit, und nach einer Überquerung des Canal Grande zum Rialto Mercato steigen wir sogleich als Schwarzfahrer wieder aus. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass wir weder bei der Deutschen Bahn, der Hamburger S-Bahn noch der Venezianischen Verkehrsbetriebe ein einziges mal kontrolliert worden sind. Das soll natürlich keinen Anreiz zum Schwarzfahren vermitteln. Wir müssen erst einmal einen Bankomat bemühen, um die fehlenden 10 Euro für unser Wochenticket aufzufüllen. Für den Rialto Mercato bleibt da trotz regen Treibens wenig Aufmerksamkeit übrig. Wenn man etwas sucht, findet man es meistens nicht, erst nach Nachfrage weist man uns zu einem Platz nahe der Rialto Brücke. Der erste Bankomat antwortet nicht. Der zweite auch nicht. Dann geht man also hinein in die Bank, die werden einem ja wohl helfen können. Nein, der Automat sei "out of order". Endlich spuckt ein dritter Bankomat in der Nähe die erforderlichen Scheine aus.

Dermaßen liquide begeben wir uns zu Fuß zum Markusplatz. Den Weg kennt man ja schon, auch wenn man sich bei den verwinkelten Gassen nicht erinnern kann, ob man da schon einmal lang gekommen ist. Auf dem Markusplatz besteht Heidi darauf, mit einigen Tauben auf Händen, Schultern und womöglichst auf dem Kopf fotografiert zu werden. Dazu haben wir noch einige Kekse vom Hinflug der Air Berlin dabei. Außer bis auf den Kopf sind die Tauben soweit bereitwillig. Vielleicht mögen sie den Haarfestiger nicht. Weiter Besichtigungen am Markusplatz erübrigen sich angesichts der langen Warteschlangen zum Großteil fernöstlicher Besucher.

Nun finden wir endlich einen Schalter, wo man von Mensch zu Mensch das erforderliche Verkehrsticket erwerben kann. Endlich ist man legitimiert, sich als Tourist frei auf dem Wasser zu bewegen. Zu den Gondeln, die allgegenwärtig herumstaken, sei gesagt, dass wir die Kosten scheuen, die sich in der Größenordnung eines Wassertaxis bewegen mögen, und letzteres Vergnügen hatten wir ja schon gehabt. Mit einem Vaporetto Nr. 1 führen wir uns nun den Canale Grande zu Gemüte. Wenn man Glück hat, erwischt man einen Freiluftplatz am Heck und kann dort ungestört sich den Betrachtungen hingeben und fotografieren. Vor allem darf man den Platz nicht wieder räumen und kann dann so den Canale Grande einmal hinauf oder hinunter fahren - oder umgekehrt.

Mit genügend Sitzfleisch landet man schließlich am Lido, der vorgelagerten Insel der Lagune. Für heute belassen wir es bei einer besinnlichen Stunde mit einem Blick auf die Kulisse des entfernten Venedigs, der Serenissima. Viele geschichtsträchtige Ereignisse mögen sich angesichts unserer Aussicht abgespielt haben, in unserem Buch über die Liebenden vo San Marco in den Jahren um 1510 geht es aber auch um eine Pestepedemie, die wir heute hoffentlich nicht mehr zu befürchten haben.

Zum Abschluss besuchen wir heute Abend wieder das gestrige Lokal, mit dem Unterschied, dass man heut draußen sitzen kann. Es handelt sich um die belebte Strada Nova, wo die Touristenscharen vorbei defilieren, da gibt es immer was zu gucken. Auch ein Hund begrüßt uns, der heißt Attila, wie seine Besitzer ihn rufen, als er sich gar nicht von uns trennen mag. Das Bedienungspersonal des Lokals erkennt uns sogleich wieder und wir werden mit Handschlag begrüßt - so sind die Italiener. Nur mit der Bierbestellung sind wir vorsichtiger, man muss "Medium" verlangen und erhält dann 0.4 L für 6 Euro - auch ein stolzer Preis. Aber die Pizza ist vorzüglich.

Auf dem Rückweg zum Hotel kehren wir natürlich wieder im Supermarkt Billa ein, wo wir uns auch schon gut auskennen.

Dienstag, 17.5.

Für heute ist ein Besuch der Venedig vorgelagerten Inseln Murano und Burano geplant. Die Dame an der Rezeption versucht uns zu erklären, wie das auf dem schnellsten Wege möglich sei. Aber danach steht uns gar nicht der Sinn. Außerdem überreicht sie uns ein Empfehlungskärtchen für eine Glasmanufaktur auf der Insel Murano. Wir wollen aber zunächst eine Trainingseinheit einlegen insofern, dass man den Weg zum Piazzale Roma schon einmal für die Rückreise probeweise zurücklegt. Und das ist ja nun von der Station Ca' D' Oro aus denkbar einfach. Dann besteigen wir ein Vaporetto der Linie 41, das ganz Venedig umrundet und auch Murano anläuft. Zu unserer Freude fährt es erst am Hafen entlang, wo wieder einige Kreuzfahrtschiffe liegen. Es ist umstritten, ob diese großen Schiffe der Lagune guttun, aber man lebt schließlich hauptsächlich vom Tourismus. Die Bevölkerung Venedigs habe sich innerhalb einer Generation halbiert, so ist zu lesen.

Die weitere Fahrt durch den Canale Della Giudecca vorbei an der gleichnamigen Insel ist nicht so spektakulär wie jene durch den Canale Grande, aber jenen werden wir noch häufiger durchfahren. Auch diesen Teil Venedigs, sozusagen die Rückseite, sowie die Isola di S. Georgio Maggiore sollte man gesehen haben. Wiederum vorbei am Markusplatz und dem Giardini della Biennale wird schließlich die Isola di S. Elena umrundet und die Nordseite der Lagunenstadt bis zur Fondamenta Nove abgefahren. Von dort wird dann direkt die Insel Murano angesteuert, wo man an der P. le Colonna aussteigt. Wir irren erst mal ein wenig herum, bis wir die kaum zu übersehende Manufaktur Fornace Gino Mazzuccato gefunden haben.

Nach Überreichen des Begrüßungskärtchens vom Hotel kümmert sich sogleich ein beflissener Herr um uns und verspricht 10% Rabatt auf alle Erzeugnisse. Bei solchen Gelegenheiten krallt sich dann immer ganz spontan meine Faust um die Geldbörse. Aber zunächst wird uns eine Werkstatt gezeigt, wo sich bereits eine Besuchergruppe auf den Besichtigungsrängen niedergelassen hat. Ein Glasbläser formt kunstvoll eine Vase aus geschmolzenem Glas, das rotglühend einem Ofen entnommen wird. Anschließend formt er mit wenigen Handgriffen mit einer Zange an einem Glasklumpen herum und plötzlich hat er die Form eines Pferdes modelliert. Sehr beeindruckend. Unser beflissener Herr aber geleitet uns in die Verkaufsräume. Es lässt sich trotz meiner geballten Faust nicht verhindern, dass ein paar Murano-Ringe für meine Gattin und die Kinder erworben werden. Ein Stockwerk höher könnten wir auch die größeren Sachen wie Kronleuchter u.dgl. besichtigen. Davon sehen wir ab, denn wir haben nur Handtäschchen und Rucksack dabei.

Wir verabschieden uns und schlendern weiter, bis wir an die Anlegestelle namens Faro für die Boote nach Burano gelangen. Diese Insel liegt ein ganzes Stück weiter nordöstlich und die Überfahrt dauert etwas länger. Dort angekommen, fallen einem gleich die in allen Farben bunt angemalten kleinen Häuser auf. Je mehr man herum wandert, um so malerischer wird es inmitten kleiner Kanäle und malerischer Brücken. Die Insel Burano ist für ihre Stickereiarbeiten bekannt, wie man an den Auslagen der Läden und Straßenstände schnell ersehen kann. So erstehen wir auch als Mitbringsel für eine Freundin ein paar Servietten mit eingesticktem Monogramm. Vor der Kirche an der Piazza Galuppi kaufen wir für wenig Geld für unsere Enkelin einen mehr oder weniger kitschigen Fächer mit bunten Venedigszenen darauf. In Venedig haben wir später die gleichen Fächer angeboten für das dreifache gesehen. Dort kann man allerdings herunterhandeln.

Nach Umrunden der Kirche San Martino bummeln wir zurück zum Anleger. Auf dem Vaporetto sitzt uns eine Senora gegenüber, die so etwas wie eine schmale Mullbinde auseinander zuppelt und mittels zweier Holznadeln ineinander zu einem Rüschenschleier oder dgl. verwebt. Da ist sie der Aufmerksamkeit der herumsitzenden Fahrgäste sicher. Auf der Rückfahrt fällt uns auf, dass der Turm der Kirche auf Burano wohl eine deutliche Schieflage hat. An der Haltestelle Fondamenta Nove steigen wir schließlich aus und marschieren, den Stadtplan immer in der Hand, längs am Kanal Rio de S. Caterina zurück, wo wir schließlich auf der Strada Nova heraus kommen.

Das Abendessen nehmen wir ein drittes mal wieder in unserem Restaurant Pasqualigo ein. Heute erkennen uns die Kellner anscheinend nicht sogleich, aber dann ist die Freude groß.

Mittwoch, 18.5.

Im Fernsehen gab es einmal eine Sendung über das "andere Venedig", und da wurde die Gemüseinsel Le Vignole vorgestellt. Da möchte Heidi nun unbedingt hin. Mir schwant schon, dass es da nicht so viel zu sehen gibt, und damit werde ich recht behalten. Mit dem Vaporetto fährt man wieder an der Fondamenta Nove los und über Murano geht es mit der Linie 13 in Richtung Le Vignole und S. Erasmo. Auf dieser Strecke wird wohl Landgewinnung betrieben, indem man mit Baggerschiffen über Rohrleitungen den Schlamm der Lagune zu Trockenflächen aufspült. Wenn sich dort auch Vegetation ansiedelt, werden das Rast- und Nistflächen für die Seevögel.

So erwartet uns am Anleger in Vignole auch ein Ibis am Ufer. Von diesem Vogel, den wir von Ägypten her kennen, mag es hier eine ganze Menge geben, denn auch am Canal Grande hatten wir einen Ibis gesehen. Man ist nun gut beraten, wenn man sich gleich die Zeit für die Rückfahrt einprägt, denn hier fahren die Boote nicht so oft. Die Insel, so ist zu lesen, ist ca. 69 ha groß und hatte 2001 69 Einwohner. Man kann nun an einem Kanal entlang spazieren, eine Brücke überqueren und weiter laufen bis der Weg zuende ist. In einiger Entfernung soll es inmitten von Gemüsefeldern eine urige Trattoria geben, laut Ausschilderung sogar geöffnet. Aber kurz nach dem Frühstück steht uns danach noch nicht der Sinn. So begeben wir uns wieder zur Anlegestelle und warten auf das Boot nach S. Erasmo.

Dort ist die Endstation und der Bootsführer wundert sich, dass wir nicht aussteigen wollen. Aber er kapiert schnell, dass wir zurück nach Venedig wollen. Man kann nun direkt zum Piazzale Roma fahren und lernt dabei noch den Canal de Canareggio kennen, der von Nordwesten in den Canale Grande einmündet. Vom Piazzale Roma laufen wir durch den Park Giardini Papadopoli und irren danach durch die Gassen  dahinter, bis man Mühe hat herauszufinden, wo man sich befindet. Aber wir finden zurück zum Canalee Grande, weil ein menschliches Bedürfnis drängt. Da bleibt einem nur übrig, mit dem Vaporetto die zwei Stationen zur Ca' D' Oro zu fahren und das nahe Mc Donalds aufzusuchen. Dort herrscht immer so ein Betrieb, dass ein Besuch des Örtchen weiter nicht auffällt.

Es wäre nun Zeit für einen Museumsbesuch, aber bei dem Wetter können wir uns nicht dazu entschließen. Es sei nur erwähnt, dass sich in dem Palazzo Ca' D' Oro eine anspruchsvolle Bildergalerie befindet und der Eintritt für Senioren ab 65 sogar frei ist. Stattdessen schlendern wir wieder zur Rialto Brücke, wo einer der Ballungspunkte für Touristen ist. Wir lassen uns auf ein paar Stufen der Riva del Carbon an der Anlegestelle der Polizeiboote nieder und verzehren Bananen und Erdnüsse. Hinter uns steht eine deutsche Schulklasse samt erklärendem Führer beieinander. Wir irren uns wohl nicht in der Annahme, dass wir aufmerksamer den Ausführungen lauschen als die gesamte Schar der Jugendlichen. Es wird aber auch jeder Palazzo aufs Korn genommen, wann erbaut, wem er gehört oder gehört hat usw. In der Gegend soll auch die Dachterrasse sein, auf der der Kommissar Brunetti immer sein Frühstück zu sich zu nehmen pflegt. Das ist dann schon interessanter.

Wir schlagen uns noch durch zum Markusplatz, wo Heidi noch einmal einen Versuch mit den Tauben unternimmt. Natürlich müssen wir bei der Gelegenheit auch die Seufzerbrücke Ponte dei Sospiri heimsuchen. Leider ist diese z.Zt. teilweise von Bauplanen verhüllt, was aber die fotowütigen Touristen nicht stört. Zum Abschluss für heute nehmen wir uns einen Besuch der Friedhofsinsel Isola di S. Michele vor. Das ist noch einmal mit einer längeren Bootsfahrt um die Isola di S. Elena verbunden. Leider darf man auf der Friedhofsinsel nicht fotografieren, und bei einer neuen Kamera geht man da kein Risiko ein. An Berühmtheiten liegen laut Reiseführer auf diesem Friedhof  Igor Strawinsky, Ezra Pound und ein russischer Tänzer, den wir nicht kennen. Da hätte man nach Thomas Mann's Tod in Venedig mehr erwartet. Es ist sehr heiß geworden, so bringen wir nicht allzuviel Energie für den Friedhofsbesuch auf.

Auf der Rückfahrt fährt das Vaporetto auf dem auch Canal  Grande genannten Wasserweg mitten durch die Insel Murano, so hat man das auch noch gesehen. An unserer Anlegestelle Fondamente Nove steigen wir wieder aus. Auf dem Rückweg passiert uns das Missgeschick, dass wir glatt im Kreis laufen, weil wir uns an einer Stelle für die falsche Straße entschieden haben. So sind wir für heute einigermaßen geschafft und beschließen, es morgen ruhiger angehen zu lassen, und das wird uns gelingen.

Für heute abend haben wir uns ein anderes Lokal ausgesucht, damit die Verbundenheit zu unserem bisherigen "Stammlokal" nicht allzu groß wird. Das Lokal heißt Pizzaria La Serenissima  und liegt in Verlängerung der Strada Nova in Richtung San Marcuola. Und die Pizza hat es in sich, sie ragt an allen Seiten über den Teller hinaus und ist zudem noch dick belegt. Das kann man nicht schaffen, leider. In der Nähe befindet sich auch eine nette Anlegestelle für die Gondeln, wo man z.B. in Ruhe jenen gekerbten Holzsporn, der Gabel oder Forcola, bewundern kann mit deren Hilfe das Ruder oder der Riemen zum Antrieb und Steuern der Gondeln vom Gondoliere stehenderweise bewegt wird.

Donnerstag, 19.5.

Nach vier eindrucksvollen Tagen in Venedig wünscht man sich auch mal einen Ruhetag. Das ist zugleich unser letzter Tag. Bei dem wolkenlosen Himmel fällt die Wahl nicht schwer: wir wollen einen Tag am Strand vom Lido verbringen. Dazu muss man nur in das Vaporetto der Linie 1 steigen und bis zur Endstation S. M. Elisabetta am Lido fahren. Von dort wandert man auf einer gut begrünten Allee, der Granviale S. Maria Elisabetta, vorbei an dem Luxushotel Grande Albergo Ausonia & Hungaria in Richtung Strand. Auf Nachfrage wurden uns 5 min Wegzeit angesagt, aber dann sind es doch 10 min. bis zur Piazzale Bucintoro. Diese ganzen Ortsbezeichnungen sind natürlich nachträglich den verfügbaren Unterlagen entnommen, vor Ort haben wir keine Ahnung. Jedenfalls kostet der Strand weder Eintritt noch Kurtaxe, und nach kurzem Herumirren finden wir ein schönes Plätzchen im Schatten von Tamariskenbüschen. Hier verbleiben wir für den Rest des Tages, genießen den Blick über die Adria und erahnen in der Ferne den berühmten Strand von Jesolo.

Die Zehenprobe in den heranplätschernden Wellen ergibt eine angenehme Wassertemperatur. Nur haben wir keine eigentliche Badeausrüstung wie Handtuch oder Badetuch dabei. Da beschränken wir uns auf das Muschelsammeln, damit die Enkelkinder auch etwas davon haben. Nach den erholsamen Stunden schüttelt man sich den Sand aus den Klamotten und Hautfalten und begibt sich auf die Rückfahrt. Die schönen Plätze auf dem Rückdeck sind von Dauergästen leider schon besetzt. Kurz vor der Anlegestelle Biennale eile ich dann doch hinaus, denn da liegt eine dahingestreckte Wasserleiche am Gestade, die ich noch nicht fotografiert hatte. Sogleich zückt ein anderer Gast darauf seine Kamera, was es wohl zu fotografieren gibt? Nun ja, die Wasserleiche ist schön grün, wahrscheinlich aus Kupfer oder Bronze und wohl ein Kunstobjekt.

Wir genießen die letzte Fahrt auf dem Canale Grande bei nachmittäglicher Sonne und es werden die letzten Fotos gemacht, u.a. von zwei schön von außen bemalten Palazzi. Bevor es ans Kofferpacken geht, besuchen wir heute noch ein anderes Lokal, dessen Name nicht mehr herauszufinden ist, es liegt aber in Sichtweite vom Mc Donalds in Richtung Rialto. Hier ist die Pizza zum Glück zu bewältigen und Heidi begnügt sich mit einem Salat. In diesem Lokal verkehren anscheinend viele Einheimische und jeder scheint jeden zu kennen. In den inneren Räumen scheint es wie in einem Bienenstock zuzugehen.

Freitag, 20.5. Rückfahrt

Nach Frühstück und Auschecken im Hotel Vendramin rollern wir mit unseren Koffern zur Anlegestelle Ca' d' Oro und steigen in das nächste Vaporetto zum Piazzale Roma, von wo es mit dem Bus zum Flughafen geht, wir haben unsere Lektion ja gelernt. Nun gilt es nur noch, die Tickets loszuwerden, die ja noch heute sowie zwei weitere Tage gültig sind. Dazu begeben wir uns zu den Schaltern der Vekehrsbetriebe. Wir sprechen ein junges Pärchen an, das in der Warteschlange ansteht, auf Englisch an. "We go home, but still have two tickets valid for three more days". Die beiden gucken uns skeptisch an, denn man kann ja nicht sogleich nachprüfen, ob die Tickets nicht doch abgelaufen sind. Aber das Stichwort "It's for free" ist ausreichend überzeugend und so ziehen die beiden freudestrahlend mit den Tickets davon. Sie waren aus Frankreich, und wir strahlen auch und fühlen uns als gute Menschen.

Alles weitere geht reibungslos, der Flug dauert nicht lange, und von Hamburg fahren wir wieder mit dem Niedersachsenticket nach Hause. Auch unser hilfsbereiter Nachbar steht schon am Bahnsteig, um uns in Empfang zu nehmen und mit unserem Auto nach Hause zu fahren. Einen Tag später holen wir auch unseren Hund Otto wieder von seiner Pension ab, damit bei dem weiteren schönen Wetter die Sonnenliegen auf der Terrasse nicht unbenutzt bleiben.