Schnacks bei Schnackenburg Do 9.8.90

Album

Nach längerer Zeit läßt sich mal wieder ein Tag zur freien Verfügung rausschlagen. Die freie Auswahl fällt heute auf einen Elbetörn, dazu gilt es die B 248 zu verfolgen, die ganz in der Nachbarschaft bei uns vorbeiführt. Die B 248 "entspringt" in der Gegend von Northeim und verliert sich im Wendland bei Dannenberg. Oder umgekehrt. Zwischendurch jedenfalls passiert sie diese bereits häufiger zitierte "Grenze" nördlich von Wolfsburg und führt dann über Salzwedel durch die Altmark und zurück in die bekannten Gefilde des Wendlands.

Nach dem Aufwachen bin ich schon vor 5 Uhr in der Frühe zugange, Heidi erhört sogar mein Küchengeklimpere, schmiert mir die Brote und stellt ein Gemüsepaket aus Rettich und Gurken zusammen. So geht es pünktlich auf die Reise, Fahrrad im Heck - bis Wolfsburg auf der Autobahn. Letzter Ort vor der "Grenze" ist Brome, da steht am Ortseingang ein von Kindern gemaltes Bild mit der Aufschrift: "Mut Du so rasen". Welch Zufall, daß das einen Tag später in der Braunschweiger Zeitung abgebildet ist mit dem Kommentar, daß die Orte an den Genzübergängen sich des hin und herschwappenden Verkehrs kaum noch erwehren können.

Ich schwappe also hin und passiere die verwaiste Grenzkontrolle, heruntergelassene Rolläden - 40 Jahre geschlossen - ein Halbjahr geöffnet - jetzt nutzlos. Der Morgen ist dunstig, von der Landschaft "Altmark" ist nicht viel zu berichten. Es geht durch die Orte Mellin, Ahlum, Kuhfelde - die Dörfer sehen aus wie in Ungarn. Dann endlich Salzwedel, laut Reiseführer und anderen Berichten eine ganz reizvolle Stadt. Nur mit dem Auto ist das nicht zu erforschen, im Straßengewirr fahre ich orientierungslos herum. Einige Straßen scheinen ein mittelalterliches Bild bewahrt zu haben, auch von der Stadtbefestigung soll noch manches zu bestaunen sein. Das müssen wir uns für später aufheben. Endlich passiere ich ein Stadttor selbiger Befestigungsanlagen und lande auf der richtigen Ausfahrt nach Arendsee. Zwei Meldungen im Radio: Die Volkskammer hat nachts um zwei die Vereinbarungen für die gemeinsamen Wahlen abgelehnt, im Elbegebiet wird es Regen geben. Über die erste Meldung wird bald Gras wachsen, Regen im "Elbegebiet", wann hat man denn schon sowas mal gehört. Im übrigen sind die Straßenränder und Wiesen nach wochenlanger Trockenheit derart ausgedörrt, daß ein Regen doch wohl unwahrscheinlich ist.

In Arendsee stelle ich endlich das Auto an seinen Platz und schwinge mich in den Sattel. Erstmal an den See, zwischen Gärten auf einem Trampelpfad rolle ich mit Karacho an das Ufer - zwei Schwäne sagen guten Morgen. Es ist noch vor 8 Uhr, selten komme ich zuhause früher bei der Lektüre der Tageszeitung in die Gänge. Eine Fahrradspur vor mir, zwei hinter mir, passiere ich einen Herrn mit Hund und bin auf der Straße nach Ziemendorf. Dann eine "Lumpenmühle", eine hölzerne Bockwindmühle, die wie eine Vogelscheuche aussieht.


Lumpenmühle
Schnell wird der "Honorarfilm" von der Berliner Mauer (400 ASA) ( s. Artikel Berlin90) eingelegt und das erste Foto produziert. Meine Karte "Naturpark Elbufer Drawehn Jg. 86" zeigt erstaunlicherweise alle Details der Topografie auch auf DDR-Gebiet. Im Wald sind sonderbar symmetrische Ameisenhaufen zu bestaunen. Sandstreifen auf beiden Seiten der Straße machen mir auch zu schaffen, sind das Panzerstraßen (gewesen)? Nach angestrengtem Nachdenken gelingt mir die Erkenntnis, daß das der Brandverhütung bei ausgeworfenen Zigarettenkippen dienen könnte.

Hinter Ziemendorf hört die schöne Landkarte auf, im größeren Maßstab geht es weiter über Gollensdorf und Drüsede nach Böhmenzien. Ein erster Nieselregen setzt ein.. Durch Anlegen der Regenkleidung läßt sich dieser allerdings sogleich vertreiben. In Bömenzien schließe ich noch Freundschaft mit einem idyllischen Wiesenteich.


Wiesenteich
Dann die nächste Grenzüberquerung bei der - laut Karte - "Ehemaligen Königsbrücke". Wieder verlassene Kontrollbaracken, was für einen Aufwand man da für ein paar Monate gemacht hat. Heute kann man ungehindert in alle Richtungen schwadronieren, laut knatternde Trabbis praktizieren das auch thriumphierend. Ich vertiefe mich in den Anblick einer Forelle im austrocknenden Wasserlauf, er heißt Seege. An der Brücke hat man auch herumgebaut, die stolze Jahreszahl 1990 ist durch Pflastersteine dokumentiert.

Jetzt ist man wieder im Westen. In Gummern oder Kapern stehen Berliner Autos vor respektablen Anwesen. Man muß sich erst wieder bewußt machen, hier ist ja wieder BRD, also marktwirtschaftlich beherrschtes Gebiet. Schnackenburg ist angesagt, früher und heute wohl auch noch am Ende der Welt. Wieder eine "Abkürzung" nehmend genieße ich auf holperiger Deichfahrt eine reizvolle Aussicht auf das vor mir liegende Örtchen. Im Dunst sieht man den Turm der Kirche, vor mir streicht ein Fischreiher auf einen Baum.


Deich vor Schnackenburg
In Schnackenburg geht es gewohnheitsgemäß zur Kirche, die liegt direkt am Deich. Blick auf die Elbe - ein schon vertrautes Bild. Aber schon wird es interessant. Eine Familie mit Kennzeichen OS streitet sich mit einem Zollbeamten, daß es hier keine Fähre über die Elbe gibt. Man hätte das doch in der Zeitung gelesen. "Das ist wohl falsch dargestellt worden" lautet die amtliche Antwort. Warum es dann in der Zeitung gestanden hätte. So geht das eine Weile hin und her, ich stehe staunend dabei, bis es heißt "Hier will einer durch". So eilig ist das nun auch nicht, aber ich nehme die Herausvorderung an und rolle nun auf dem Elbwanderweg, den man wahlweise auf dem Deich und recht holperig oder unterhalb auf betonierter Trasse wählen kann. Trotz der besseren Aussicht oben auf dem Deich entschließt man sich alsbald für den bequemeren Teil.


Auf dem Deich

Uralter Eiche knorriger Ast
Auch hier ist viel zu bestaunen. Ab und zu führt eine Rampe hinauf, da kann man vom Deich aus den Blick schweifen lassen. Diesseits uralte Eichen, jenseits der Elbe noch der Grenzzaun. Der Deich hat wegen der Trockenheit fingerbreite Risse. Die Landschaft ist wie ein Park, die Eichen vermitteln Erinnerungen an Germanien. Laut Karte liegt auch linkerhand ein alter Burgwall aus nämlicher Zeit. Wenig später eine Niederlassung aus neuerer Zeit: ein Zirkuswagen mit etwas Gerümpel drum herum bringt einen wieder auf Gedanken. Zigeuner, oder gar Berliner, wer hat hier sein Zuhause? Meine schnieken Reifen aber rollen mehr und mehr zwischen kleinen braunschwarzen Kügelchen dahin, da kommt einem schon eine Idee.

Schon ist die Schafherde erreicht, werden die Hunde auch nicht gegen einen Störenfried einschreitende Maßnahmen ergreifen? Doch weder Schaf noch Hund nehmen Notiz von mir. Herrlich, durch eine Schafherde in voller Aktion zu radeln. Und da steht wie der Herrscher von alledem der Schäfer, auf einen knotigen Stock gelehnt. "Geht's hier zur Fähre?" frage ich. Aber ja, Autos fahren vorbei, ein Feldweg ist zu einer Lebensader erwacht. "Wie gefällt Ihnen der Job - ist das nicht zu langweilig?" so beginnt der Schnack. "Wenn es mir nicht gefallen würde, wäre ich nicht hier". Von Langeweile keine Rede - bis man die Herde erst mal so gestellt hat - dann hat man Zeit. Der Schäfer ist noch jung - Studententyp. Er kommt aus Braunschweig. Warum und wieso erfrage ich nicht. Wie man die Hunde ausbildet, möchte ich wissen. Die hier heißen Max und Karl, liegen sichernd im Gras und reagieren auf jede Unregelmäßigkeit im Herdenverband. Also die Hunde werden an kleineren Formationen geschult, auch mit einem erfahrenen Hund zusammen, bloß die Unarten sollte er nicht übernehmen. Der Arbeitstag eines Schäfers geht von 6 Uhr bis Dunkel - keine Langeweile also.

Ob der "Zigeunerwagen" seine Behausung sei, will ich noch wissen. "Das ist kein Zigeunerwagen, sondern ein Original - Zirkuswagen, macht auch Arbeit, den in Stand zu halten". Nochwas fällt mir ein - da gab es mal in dieser Gegend eine "Aussteigerin", die hat sich auch auf den Schäferberuf verlegt, das habe ich aus einem Buch über eine Grenzfahrt per Fahrrad: "Mitten durch Deutschland, Reportage einer Grenzfahrt von Rolf Nobel, Rasch und Röhring, 1986". "Das kann nur Anneli gewesen sein", die Aussteigerei hat sich inzwischen anscheinend in ein mehr etabliertes Dasein gewandelt. "Das die in einem Buch vorkommt...".


Elbfähre
Zunehmender Autoverkehr auf dem benachbarten Feldweg beendet die Unterhaltung, ich muß an die Fähre denken, und der Tag ist noch lang. Mit rasantem Start rase ich also - Schäfer und zugehörige Herde hinter mir lassend - hinunter zur Elbe, da liegt die Fähre auf der Elbe weißem Strand. Zum Glück komme ich noch vor dem zur Zeit auf Tiefwasser stehenden Wasserstand der Elbe zum Halten. Ein Handzeichen zum Chef der Fähre gibt Gewißheit, daß ich noch mitgenommen werde. Über die Uferbefestigung muß man klettern, Autos haben hier keine Chance. Meine Hast war unbegründet, nach einer geruhsamen Viertelstunde erst geht es los. "Einmal Helgoland" sagt man, wenn man witzig erscheinen will.

Drei Mark kostet die ganze Sache, und schon findet man sich auf dem anderen Elbeufer wieder. Mehrere Radfahrer sind dabei - einer mustert mein Fahrrad und erzählt die Horrorgeschichte, daß er dreimal in drei Wochen einen Platten gehabt habe. Ob das Fahrrad nichts tauge? Ich bin zwar kein gelernter Zweiradmechaniker, ab womöglich kann das an der mangelhaften Qualität des Reifens liegen. Ja, der hätte auch schon Risse.


Brücke nach Lenzen
Pevesdorf zu Füßen des Höhbeck, der mit 75 Meereshöhe weder Bergsteiger noch Mountainbiker anlockt, wohl aber Sendemasten vorzuweisen hat, die aber auch nicht in das "Tal der Ahnungslosen" (Dresdener Becken) hineinzustrahlen vermögen, versinkt am Horizont. Ich rolle derweil geruhsam über die Brücke der Löcknitz vor dem Ort Lenzen und überstehe eine lebensgefährliche Situation. Ein Lastwagen kommt entgegen und läßt auf der holperigen Brücke einige Briketts durch die Luft fliegen. Es geht geradeso ohne Schaden ab, zum Glück bin ich kein Auto, da wäre sicher eine Beule fällig.

Da endlich der erste Storch, der sitzt in seinem Nest auf einem abgestorbenen Baumstamm und baldowert etwas aus. Für eine Brut ist er wohl etwas spät dran. Der Ort Lenzen - im Reiseführer nicht vermerkt - ist sehenswert. Schöne Fachwerkstraßen, eine Burg, die ist heute Museum und Feierabendheim.

Lenzen
Dann geht weiter über Edenburg und Seedorf. An der Löcknitz, die Elbniederung nennt sich hier "Ochsenweide", findet sich eine rostige zur willkommenen Rast einladende Brücke. Brote, Rettich und Gurken haben sich morgens noch nicht träumen lassen, wo sie verzehrt werden. Ein werktätiger Treckerfahrer entkrautet in der Nähe einen Entwässerungsgraben.


Brücke in der Ochsenweide
Nun noch durch Breetz, ein Winzling an Dorf, ein Storch kratzt sich bei meinem Anblick am Kopf. Dann kommt Polz - Gelegenheit zum nächsten Schnack. In Polz gibt es eine Mühle, die liegt auf einem Berg, ein Lokal ist dort laut Ausschilderung zu finden. Neugierig erklimme ich den Hügel, kaum zu schaffen, weil nur Sand. Von der Mühle steht noch das Gehäuse, "Mittwoch und Donnerstag Ruhetag". Ein Trabbi steht vor der Tür. Ich möchte die Speisekarte studieren und gehe möglichst unauffällig die Treppe rauf. Wie gehabt: Soljanka, Schnitzel in verschiedenen Variationen, Preise niedrig. Als ich mich schon wieder davonmachen will, kommt der Wirt raus: "Wir machen gerade sauber". "Muß auch mal sein" antworte ich schnell. Also gestern war eine Geburtstagsfeier - fünfzigster - da steht noch so viel rum - die Leute waren aus Wittenberge angereist. Zwei Aussprüche meinerseits führen zu einem längeren Gespräch: "Geht es Ihnen denn wirtschaftlich nun schon besser", und "Ich mache eine Erkundung für eine Gruppenfahrt" (dabei denke ich an meine Familie). Nun erfahre ich die ganze Vorgeschichte, das Lokal besteht erst seit dem 1. Juli (Währungsunion), die Mühle befindet sich im Eigentum des vor mir stehenden Besitzers, seines Zeichens Vorsitzender des Vereinigten Bauernverbandes. Die Preise sind niedrig kalkuliert, trotzdem kommt keiner aus dem Dorf zum Umtrunk. Mir fällt Doktor "Fummelpfennig" aus Satemin vom vergangenen Jahr ein, eine originelle Feinschmeckerkneipe wäre doch das richtige. Geplant sind auch Parkplätze, eine komfortable Auffahrt, Vorbau und so weiter. Dabei erfahre ich auch, was der Backstein am Stück hüben und drüben kostet - alles nach den Regeln der freien Marktwirtschaft. Als endlich ein Fahrzeug erscheint und Männer mit Mercedesstern auf dem Overall aussteigen, mache ich mich schnell auf die Weiterfahrt.


Scheune mit Storchennest
Ich bin noch nicht aus dem Ort heraus, da sehe ich ein Storchennest mit drei Insassen, malerisch auf einer alten Scheune thronend. Das muß fotografiert werden. Um das richtig ins Bild zu bekommen bewege ich mich rückwärts gehend durch eine Toreinfahrt auf Privatgelände. Gerade als das Bild entsteht, Zweige eines Nußbaums im Vordergrund, Hausgiebel mit Storchennest dahinter, eine Stimme: "Alles gut im Bild?".

Schnell frage ich möglichst unbefangen, ob ich den Eigentümer vor mir hätte, und er habe hoffentlich nichts dagegen, sei ja ein idyllischer Anblick usw. Die Störche oben sind die Jungstörche, lassen die Eltern noch für sich arbeiten. Die Scheune sollte schon abgerissen werden, aber ein Storchennest bringt Segen, die nisten hier seit Menschen-Gedenken. Leider hat man das Strohdach durch Wellblech ersetzt. Früher wurde das Ried im Winter bei Eis geschnitten. Die wirtschaftliche Situation in dieser Region ist noch kaum verändert. Solange die Elbbrücke in Dömitz nicht gebaut wird, ist man hier weiter isoliert. Aber man kann endlich überall hinfahren, war ja früher auch Sperrgebiet.


Elbe Müritz Kanal
Ja, und der Wirt der Mühle, das ist einer, die haben uns "verwaltet", was immer das heißen mag. Dann kreuzt ein Auto auf, das sind die Schwiegereltern. "Alles Gute für die Zukunft", damit endet diese kleine Bekanntschaft.

Klein Schmölen - dann ist man in Dömitz. Ein marodes Schleusentor verschließt mühsam den Zugang zum Elbe Müritz Kanal, der wasserwirtschaftlich nicht von allergrößter Bedeutung zu sein scheint. Sicher aber ein Paradies für Paddler und und andere Bootsbesitzer. Vom Ortsbild in Dömitz hatte ich mir mehr versprochen. An der Kirche steht ein Imbißstand, da kommt einem eine Bratwurst gut zupaß. Gegenüber ist ein großer Backsteinbau, er beherbergt den KONSUM.

Dömitz
Gespannt bin ich nun noch auf die Festung, in der Fritz Reuter, der mecklenburgische Plattdeutsch-Virtuose, das letzte Jahr seiner "Festungstid" abgesessen hat. Die Festung ist wie ein Stern mit 5 Zacken angelegt, ein versumpfter Burggraben (Blutweiderich) umgibt das Ganze.


"Ut mine Festungstid..."
Durch ein Tor, über dem noch die Rollen zum Einziehen der Zufahrt zu erkennen sind, betritt man den Innenraum. "Fritz Reuter Halle", Museum usw. Ich begnüge mich damit, einen Blick von den Zinnen über die Elbe zu tun. Die beiden berühmten Brückenhälften als Symbol der Teilung, ein Denkmal geradezu die Bogen der Eisenbahnbrücke. Zu einer näheren Inspektion dieser beiden Bauwerke kommt es leider nicht mehr, wie man sehen wird.

Wieder ein kleiner Nieselregen, danach begebe ich mich zum Fähranleger, um mich auf den Rückweg wieder auf der westlichen Elbseite zu machen. Die Grenzabfertigung ist jetzt Kassenhäuschen für die Fähre. "Heute kein Betrieb" - zack, alle Pläne über den Haufen geworfen. Entweder fahre ich an der Elbe zurück nach Lenzen, oder - es ist gerade mittags - es geht weiter bis Hitzacker, dort ist die nächste Fähre. Das sind zwei Stunden mehr, also entscheide ich mich dafür. Die Beschaulichkeit ist aber erstmal dahin, zügig fahre ich drauflos. Landschaftlich ist hier wenig los, Wiesen mit oder ohne Kühe, Maisfelder, Kiefernwälder. In weniger als einer Stunde bin ich schon gegenüber von Hitzacker. Erstmal zum Anleger, damit einem die Fähre nicht vor der Nase wegfährt. Aber einige Kioskgäste, die gemütlich beim Kaffee sitzen, verraten schon: "Die Fähre fährt erst in zwei Stunden!". Zack - wieder klappt es nicht wie vorgehabt. Wenn ich vorsichtig zu rechnen anfange, merke ich schon, daß kann noch ein längerer Abend werden. 80 km stehen schon auf dem Tacho.


Kiosk
Jetzt aber setzt ein stärkerer Nieselregen ein, bei Bratwurst und zwei Kaffee ist es unter dem Dach des Kiosks auch nicht schlecht. Auch kann man sich gut unterhalten, viele Fahrradfahrer geben sich ein Stelldichein. Der Besitzer des Kiosks macht glänzende Geschäfte. Auf den Boden hat er Gitterdraht des Grenzzauns ausgelegt, kleine Stacheldrahtgebinde werden als Souvernir verkauft.

So vergeht die Zeit ganz angenehm. Um 16 Uhr legt die Fähre auf der anderen Seite in Hitzacker ab. Angekommen auf unserer Seite entsteigt ihr eine Menge Volk, mit Plastiktüten versehen, die haben ihre Autos hier abgestellt und waren auf Einkaufstour. Die Menschen sehen sehr elend und ärmlich aus, die wenigen Monate nach der Wende hat sie noch nicht zu satten Konsummenschen machen können. Diese Leute kommen ja auch aus der Gegend, die sich hier direkt an den Elbdeich anschließt, man kann sich gar nicht vorstellen, wie die Zeit da stehen geblieben ist.

Endlich um 16.30 legt die Fähre ab, bei bald 50 Fahrrädern können kaum alle unterkommen. In wenigen Minuten ist man auf der anderen Seite. Leider hört es nicht auf zu regnen, so muß ich mich regenfest anziehen, verabschiede mich von den "Bekannten" und mache mich auf den Weg. Ich passiere Wussegel, wo wir im vergangenen Jahr den Störchen zugeschaut haben. Unter meiner tropfenden Hutkrempe hindurch kann ich erkennen, daß heute kein Adebar zu Hause ist. Dann kürze ich ab über Dannenberg, nach landschaftlichen Reizen steht mir nicht mehr der Sinn. In Dannenberg frage ich eine Dame nach der Ausfahrt Richtung Gartow. "Das kann ich Ihnen nicht sagen - ich bin aus Braunschweig". Merkwürdig viele Leute aus Braunschweig wuseln anscheinend hier rum. Eine Blumenfrau im Geschäft gegenüber ist besser im Bilde, ich erfahre alle Straßenbaumaßnahmen der Vergangenheit und Zukunft in Dannenberg, muß einen Blick auf die "nagelneue" Karte der Spar- und Darlehenskasse werfen - kein einziger Grenzübergang ist darauf eingezeichnet. Auch die Grenze umschließt noch als dicke rote Markierung das Wendland und macht es zur Halbinsel, "Ostpreußen der BRD" hieß das mal.

Mit Mühe komme ich da wieder weg und gerate über die Umgehungsstraße endlich auf die Straße nach Gartow. Der Regen hält an, da werden Kilometer gezählt, das geht wie immer viel zu langsam. Zum Glück gibt es einen guten Radweg, sodaß man vor dem lebhaften Verkehr geschützt ist. Endlich erreiche ich Gorleben, dessen "strahlende" Aussichten mich heute nicht weiter interessieren können. Einen sich ankündigenden Hungerhaken kann ich noch schnell abwenden, indem ich in einem kleinen Geschäft Bifis, Nüsse und Schokolade besorge.

Hinter Gorleben geht es rechts ab, auf schnurgerader Straße an die 10 km durch den Gartower Forst nach Prezelle. Bei dem Ortsnahmen fällt mir ein, daß ich mich zu Hause melden muß, denn vor 22 Uhr werde ich kaum zurück sein. Obwohl hier schon wieder scharf am Rande der Welt, hat jeder Ort seine Telefonzelle. In Schmarsau fahre ich an der Abzweigung zur Grenze erstmal vorbei. Der Dorfplatz trägt den Straßennamen "Im Rundling". Wie ich mich daraufhin genauer umsehe, entdecke ich, daß es sich hier tatsächlich um ein sehr hübsches Rundlingsdorf handelt. Bei anhaltendem Regen ist der Rest der Fahrt zurück nach Arendsee kein Genuß. Genau 60 km habe ich mir an Rückweg von Hitzacker eingehandelt, da bin ich doch am Rande meiner Kräfte. Es ist gegen 20.30, als ich das Auto erreiche und mit wackeligen Beinen das Fahrrad verstaue.

Die Dunkelheit setzt bereits ein, der Regen hält unvermindert an. Da fahre ich auf dem schnellsten Weg aus DDR-Gebiet raus und entscheide mich für die weitere aber bequemere Heimfahrt über Lüchow, Ülzen und Gifhorn. Wie das so ist, so eine Fahrt will nicht enden, erst um 22.45 bin ich zu Hause, wo im Fernsehen eine Tatort-Wiederholung läuft. Nur von Regen hat man hier nichts gemerkt, er war wohl tatsächlich nur für das "Elbegebiet" ausersehen.


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