Montag, 17.8. Bad Schandau - Schirgiswalde, 65 km

Wie kommen wir nun an die Quellen der Spree? Ursprünglich war geplant, von der Elbe aus durch Tschechien zum Prebischtor, dem höchsten Felstor Europas, hinauf zu fahren. Da soll es aber mächtig bergauf gehen, außerdem ist das Prebischtor nur über einen Wanderweg erreichbar, so kann man es jedenfalls der Karte entnehmen. Heidi ist davon nicht so begeistert. Aber vor Ort ergeben sich immer am ehesten andere Varianten. Unsere besteht darin, von Schandau mit der Bahn nach Sebnitz zu fahren, und damit ein gut Teil an Höhe ohne Schweißvergießen zu gewinnen. An der Rezeption kopiert man uns den Fahrplan, und so können wir ganz in Ruhe frühstücken und zum Bahnhof bummeln.

Dort stellt sich heraus, daß man uns einen alten Fahrplan ausgedruckt hat, aber wir haben Glück, unser Zug fährt in Kürze. Hätten wir noch mehr gebummelt, wären zwei Stunden verloren gewesen. Urlaubszeit ist kostbar! Wir verladen erst mal die Räder im bereitstehenden Zug, dann fällt einem ein, daß man die Fahrkarten vor der Fahrt an einem Automat entwerten muß. Ein Anstreicher auf einer Leiter liefert die nötigen Informationen, wie das zu bewerkstelligen ist. Also eile ich zurück in den Bahnhofsraum und habe so meine Not mit dem Entwerter. Eine Frau neben mir genauso, da gibt der Entwerter die Fahrkarte nicht wieder heraus. Da muß schließlich auch geholfen werden. Endlich habe ich unsere eigenen Kontrollabschnitte durch mehrmaliges Umknicken vielfach abgestempelt und eile zurück zum Zug, der sich schon zur Abfahrt anschickt. Heidi hat sicherheitshalber mit dem Schaffner angebändelt, damit man nicht ohne mich abfährt.

Als ich schnaufend eintreffe, wird der Triebkopf der Bimmelbahn Schandau - Bautzen gerade wieder abgestellt. 10 Minuten dauert es dann noch mit der Abfahrt, inzwischen ist unser Stress verraucht. Nun erteilt uns der freundliche Schaffner eine Lektion über das Tarifsystem des öffentlichen Nahverkehrs der Oberlausitz. Wir verstehen nur Bahnhof und müssen uns belehren lassen, daß wir die Fahrradkarten auch noch hätten entwerten müssen. Das übernimmt aber unser freundliche Schaffner, wozu ist er schließlich da.

Total entwertet können wir uns endlich der Landschaft widmen. Es geht kurvenreich durch zahlreiche Tunnel das liebliche Tal des Sebnitzbaches entlang. Wenn der Zug in einem der abgeschiedenen Orte einmal hält, stecken der oder die diensthabenden FahrdienstleiterInnen, der Lokführer und unser Schaffner kommunikativ die Köpfe zusammen, man setzt sich auch schon mal auf einer Bahnhofsbank zusammen. Wir genießen diese Gelassenheit, genau das sucht man ja immer in unserer rastlosen Zeit. Pfeifend setzt sich der Zug dann wieder in Bewegung und wir kommen trotz oder wegen aller Gelassenheit pünktlich in Sebnitz an.


Laden in Sebnitz
Auf die Pünktlichkeit wäre es nun wahrlich nicht angekommen, finden wir uns doch sogleich schiebend auf einer steilen Straße wieder. Genauso steil geht es wieder hinunter und wir sind bald am Grenzübergang. Beide Ausweise gezückt, aber niemand nimmt Notiz von uns, außer einer Beamtin, die uns auf den Übergang für Fußgänger einweist. Heidi murmelt etwas von einem Stempel, wobei sie vergißt, daß das mit einem nagelneuen Personalausweis in Plastik, fälschungssicher eingeschweißt, wohl schlecht möglich ist.

So betreten wir das Neuland Tschechien ungestempelt und schieben eine Straße hinauf. Da hat man Muße, die Szenerie zu überdenken. Die Preise hier für Zigaretten, Getränke oder Benzin sind wohl so günstig, daß viele Autos aus der BRD sich an Tankstellen und einschlägigen Kaufläden versammeln. Es scheint auch schummerige Nachtclubs zu geben, was ich heimlich seitwärts schielend registriere.


Unbekannte Blume
Das alles lassen wir hinter uns und fahren durch einen Wald. Es gibt eine sonderbare Blume hier, die hat gleichzeitig gelbe und rote Blütenblätter. (In unserem Bestimmungsbuch "Was blüht denn da" ist die Blume nicht zu finden, am ehesten kommt ihr der Wachtelweizen nahe, aber der blüht nur gelb.)


Lupova(Hainsbach)
Die Landschaft ist leicht wellig, da geht es auf und ab, was Heidi mit Unmut quittiert. Bei genauerem Studium der Straßenkarte muß ich zugeben, daß wir uns so mittlerweile auf 500 m Höhe hinaufschrauben (-schieben). Ein langer Anstieg, bis man wieder hinab rauschen kann nach Sluknov (Schluckenau). Ich bin im Moment überfragt, wie die wechselvolle Geschichte dieser Region mit den ehemals deutschen und heute tschechischen Ortsnamen sich zugetragen hat. In Schluckenau jedenfalls verspüren wir Durst und erstehen für eine blanke DM eine Flasche Brause. Wir machen auch eine kleine Ortsbegehung mit Standbild, Kirche und Marktplatz. Dort machen wir uns auf einer Bank über die Brauseflasche her. Gegenüber sitzt ein Student, liest in einer Partitur und formt mit der Linken synchron zu seinen Noten die Bewegungen eines Zupfinstruments nach. Ein schwarzer Typ nähert sich. Wenn der nun einfach mit einem unserer Räder samt Gepäck davon fahren würde, wie würden wir da gucken? Aber das macht er nicht, sondern schlendert weiter.


Standbild...

Kirche in Schluckenau
Wir fahren weiter auf einer weniger schönen Landstraße nach Rum und Burk, ehemals Rumburg. Da findet sich eine Touristeninformation, in die ich mich sogleich begebe, um Informationen zu erhalten. Das hätte ich lieber nicht tun sollen. Eine Dame versucht meine Wünsche zu erfahren, muß aber mangels Sprachkenntnis eine Kollegin herbei rufen. Diese wiederum eröffnet auf meine Frage nach dem Grenzübergang, daß dieser seit heute(!) gesperrt sei. Bis Mai nächsten Jahres(!). Solange wollen wir nicht warten. Man könnte aber über Varnsdorf (Warnsdorf) ausreisen. Das sind so an die 15 km Umweg, mit Bergen noch und nöcher. Mit dieser Information beglücke ich meine liebe Gattin, die von der bisherigen Strecke sichtlich genervt ist. "Mit mir nicht!". Also irren wir erst mal in Rum Buk rum, nicht achtend der Schönheiten der Stadt, sofern vorhanden. Wir stehen vor einer steil ansteigenden Straße in der Mittagssonne. Nach Prag soll es da gehen. "Mit mir nicht!". Also alles zurück. Auf dem Marktplatz stellen wir fest, daß wir zweimal im Kreis Rum ge Bukt sind.

Anhand der Karte entschließen wir uns, den gesperrten Grenzübergang doch zu probieren, notfalls mit Gewalt. An der Touristen-Info von vorhin finden wir die richtige Strecke - natürlich alles wieder bergauf - schiebend. Heidi zweifelt an mir und ich an mir auch. Aber da ist die Abzweigung zur Grenze, schlicht BRD verheißend. Vor der Grenze stauen sich die Schwerlaster. Wir schieben daran vorbei, kein Schlagbaum, keine Kontrolle, kein Problem.

Doch da stehen drei bundesdeutsche Grenzbeamte ins Gespräch vertieft. Nun muß man es genau wissen und wir nähern uns forsch. Ja dieser Grenzübergang sei nur für den Transit-Schwerlastverkehr vorgesehen, Fußgänger oder Radfahrer aber könnten passieren. Außerdem gebe es allerlei weitere Übergänge, das alles hat man weder der Straßenkarte noch den vorbildlichen Informationsdamen in Rum Buk entlocken können.

Aufatmend bereisen wir nun wieder das Vorzeigeland der Deutschen Bundesrepublik. Dazu müssen einige Ampelkreuzungen überwunden werden, bis wir am Bahnhof von Neu-Gersdorf auf den ausgeschilderten Spree-Radwanderweg stoßen. Was ist nun mit den Quellen der Spree? Drei an der Zahl gibt es davon, die eine liegt auf einem Berg (Kottmarwald, 583 m) und ist dadurch für uns unerreichbar. Die andere sei durch Rohrleitungen wegen Ortszwistigkeiten an einen genehmeren Platz verlegt worden (Pfarrborn). Die dritte Quelle soll sich in Ebersbach befinden - und wir können stolz verkünden: wir haben keine von den drei Quellen zu Gesicht bekommen. Nun sind wir keine Prinzipienreiter, da stört uns das nicht so sehr. Wir verfahren uns lieber in den Orten Güst und Haineberg, wo man mit der Wegausschilderung wohl nicht so gründlich war. Zwei Einwohner helfen uns ein bißchen, den natürlich steil ansteigenden Weg zum Gasthof Hempel zu finden, von wo aus man eine tolle Aussicht hätte. Wir mogeln uns aber lieber ein wenig unterhalb herum, tangieren die grüne Grenze nach Tschechien und sind dann doch auf der richtigen Strecke. Da gibt es ein herrliches Schwimmbad (Neuspremberg), wo eine Erlebniswasserrutsche jauchzende Badegäste zu Wasser führt.

Wir aber dürfen schwitzen und über den Hänscheberg (393 m) bergan schieben, die Strecke ist in 20 Jahren vielleicht eine Allee, indem man viele Bäume links und rechts gesetzt hat. Entgegenkommende Radler brausen bergab. Alles geht vorbei, auch wir fahren irgendwann wieder bergab, nun an der wirklichen Spree, nachdem sie mit ihren drei Quellbächen zu Potte gekommen ist. Irgendwo auf der Strecke steht Bodo mit dem Bagger und der baggert noch. Aber wir werden rücksichtsvoll vorbei gelassen. Aber die Spree ist ab hier leider gelb verlöhmt.


Schirgiswalde
Am Stausee von Sohland machen wir Rast. Da sind Oma, Mutter und Sohn auf der Nachbarbank in die Natur vertieft. Aber nicht so ganz, denn der Sohn möchte auf die Wippe des angrenzenden Spielparks, wo aber sein Gewicht gegen das seiner Mutter nicht ausreichend ist. Nun läßt sich noch eine Tochter aus dem Gebüsch herbeirufen, um das Gleichgewicht herzustellen. Es entzieht sich unserer Kenntnis, ob das alles nun so richtig geklappt hat, fahren wir doch auf herrlicher Strecke weiter gen Schirgiswalde, das uns durch die hoch gelegene Kirche und ein ansprechendes Ortsbild begrüßt. Hier können wir wohl guten Gewissens Quartier nehmen.

Heidi entdeckt das Hinweisschild auf die Info, damit hat sie die Verantwortung für das Hinaufschieben. Ein Mann mit einer Schubkarre schaut uns erwartungsvoll entgegen. "Sie vermieten doch sicher ein Zimmer", so nähern wir uns gleichermaßen erwartungsfroh. Leider hätte er schon besetzt, aber vielleicht bei Schwager oder Schwester gleich nebenan? Daraus wird nichts, die sind auch schon besetzt. Aber seine Frau, die habe das Touristenbüro unter sich, bis 17 Uhr, das sind noch 10 Minuten. Wir fahren alles wieder runter, was wir gerade hinauf geschoben sind und finden das "Bürgerhaus", wo Frau Herold das Regiment führt. "Einen schönen Gruß von ihrem Mann", da guckt sie aber. Nun gelingt es, zwischen vielen "Jetze" und "Denne" ein Quartier in den Marktstuben zu ergattern. Da sind wir vorhin schon längst vorbei getingelt. Ein schönes Gespräch haben wir jedenfalls mit Frau Herold, man versuche alles Erdenkliche, diese schöne Ecke der Lausitz für den Tourismus zu erschließen.

Wir freuen uns, daß wir - wie es im Prospekt heißt - die "Perle der Oberlausitz" entdeckt haben. Natürlich führt uns der Rundgang zuerst hoch hinauf zur Kirche, "Kath. Pfarrkirche, 1735 im böhmischen Landbarockstil erbaut" (aus bikeline abgeschrieben). Da steht sogar die Kirchentür offen. Leider verbietet sich aber eine weitere Annäherung, befindet sich doch eine Schar ältlicher Damen murmelnd ins Gebet vertieft um Vergebung ihrer Sünden bittend. Welche Sünden begeht man in Schirgiswalde?

Wir suchen eine Telefonzelle, gehen zum Bahnhof. Der ist weitab von weitreichenden weltverbindenden Verkehrslinien, Bautzen - Zittau und Zittau - Bautzen, alle zwei Stunden. Die Bahnhofsräume sind mit Brettern zugenagelt. Eine Dame mit Kind sucht erfolglos nach dem Bahnhofsrestaurant, sie sei erst gestern angekommen. Genau so wenig finden wir eine Telefonzelle. Am Abend sitzen wir vor unseren Markstuben und lauschen dem vorbei rauschenden Verkehr. Mit der Zeit ebbt der ab, dafür nehmen die Aktivitäten einiger Jugendlicher zu. Man versucht, seine Stärke durch die vorhandene Motorisierung zu beweisen. Immerhin können wir aber auch wieder einem Ehepaar am Nebentisch zuhören, die eineinhalb Stunden dazu benötigen, sich für ihre morgige Unternehmung eine Busverbindung zusammen zu stellen. Die Frau diktiert ihrem Gatten alle Abfahrtzeiten, der abschließend zufrieden bemerkt: "Böhmische Dörfer für die Autofahrer". Die Frau sagt dann noch: "Wie machen wir das nun morgen?". Schließlich brechen sie auf, um die Bushaltestelle zu suchen, wo sie morgen abfahren wollen.

Dienstag, 18.8. Schirgiswalde - Spremberg, 98 km

Die Vorausplanung der weiteren Tour macht uns ein wenig Sorgen. Zwischen Bautzen und Spremberg gibt es entlang der Spree wenig Übernachtungsmöglichkeiten, da sich dort die Braunkohle breit macht und dem Tourismus wenig Anreiz bietet. Man wird sehen.


Spreewehr

Radweg durch ein Wohnhaus
Die Strecke bis Bautzen ist wieder sehr schön, über Wiesen und Felder oder durch Waldschluchten entlang der Spree. Verfallende Mühlen und Industriegebäude. Einmal liegt allerdings quer über den Radweg der Länge nach ein Mensch ausgebreitet. Wir nähern uns schaudernd, hat es etwa einen Unfall gegeben? Als wir heran sind, hebt der Bursche aber den Kopf und guckt verdutzt. Was das nun wieder sollte? Wir machen, daß wir weiterkommen.


Marktplatz in Bautzen

Befestigungsanlagen
Wenn man Bautzen besichtigen will - was man nicht versäumen darf - muß man die Spree verlassen und auf der stark befahrenen Straße hinauf schieben. Man gerät direkt auf den Hauptmarkt. Die Altstadt von Bautzen ist vorbildlich restauriert, fast ist noch alles zu taufrisch, das muß erst mal wieder Patina ansetzen. Im Informationsbüro versuchen wir, ein Quartier auf der weiteren Strecke auszuhandeln. Das funktioniert nur insoweit, daß man uns die Telefonnummer eines Hotels in Uhyst nennt, auf halber Strecke bis Spremberg. Jetzt brauchen wir nur noch eine Telefonzelle.

Da fragt man am besten eine vorbei schlendernde Polizeibeamtin, die in der Morgensonne ihren schweren Dienst versieht. "Eine Telefonzelle?" - sie schaut ratlos im Kreis herum, aber das haben wir vorher auch schon getan. Schließlich fällt ihr doch eine ein, gleich um die Ecke. Nun werden wir keck. "Sie als Polizistin müssen wir noch was fragen, was ist denn aus dem berüchtigten Stasigefängnis geworden?" Das sei heute Gedenkstätte und befinde sich im Justizgebäude. Es werde immer mit dem "Gelben Elend" verwechselt, das aber eine ganz normale Justizvollzugsanstalt sei und schon zu Zeiten des ersten Weltkrieges existiert habe. Sie will uns noch den Weg dorthin beschreiben, aber so genau wollen wir es auch wieder nicht wissen. Natürlich fällt in diesem Zusammenhang auch auch der Name Kempowski.

Kleine Nachgeschichte: Eine Woche nach unserer Rückkehr stellt Walter Kempowski in Braunschweig sein neues Buch "Heile Welt" vor. Bei dieser Gelegenheit kann es Heidi nicht lassen, ihm einen schönen Gruß aus Bautzen auszurichten. Schön sei es da jetzt geworden, sagt sie noch dazu. Die Reaktion des Schriftstellers: "Da muß ich nicht wieder hin". (Er hat dort 8 Jahre unfreiwillig verbracht, man lese "Ein Kapitel für sich")

Wir verabschieden uns von der Polizistin mit dem Hinweis, daß sie ja keine Telefonzelle brauche, da sie ein Handy bei sich führe. Bei dem Wort "Handy" gibt sie Heidi spontan die Hand.

In der Telefonzelle erfahren wir, daß das Hotel in Uhyst angeblich nicht mehr existiert. Wir beschließen, einfach drauf los zu fahren, irgend etwas wird sich schon finden. Vorher schieben wir noch durch die Gassen um die Ortelsburg entlang der mächtigen Festungsmauern. Später fahren wir unterhalb dieser Anlage wieder an der Spree. In den aufragenden Felsen wächst die Hauswurz, die trifft man sonst in freier Natur nur selten an.

Es geht weiter über eine ruhigen Landstraße, zur Rechten glänzt der Wasserspiegel der Talsperre Bautzen. Hinter uns liegen erstaunlich hoch die Bergkämme der Oberlausitz, kaum zu glauben, daß wir da durch gefahren sind. Aber die Spree hat uns ja den Weg leichter gemacht. Ein radelnder Urlauber begegnet uns. "Wie läuft's heute?" "Ganz gut, wenn's nicht zu heiß wird!" "Schön, was ihr da macht!" Da sind wir uns einig.

Unterhalb der Staumauer der Talsperre quert man nun hinüber zu einer Kette von Fischteichen, durch die der Radweg mitten hindurch führt. Aber man bleibt trocken. In dem anschießenden Ort Malschwitz finden wir mal einen netten Krämerladen. In den meisten Orten gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten, da die kleinen Läden sich gegen die Einkaufszentren auf der grünen Wiese nicht halten können. Das kennen wir, wir wohnen auch auf dem Dorf. Hier aber kann man mal einen Schnack machen. Wir versuchen natürlich, eine Auskunft über eine Quartiermöglichkeit zu bekommen, aber da sind die guten Leute auch überfragt.


Teich mit Pfeilkraut
Mit frisch erworbenen Getränken und Proviant finden wir alsbald einen netten kleinen Teich mit einer Bank, wo man eine wunderschöne Rast machen kann. Libellen schwirren umher, im Teich blüht das Pfeilkraut. Später kann man feststellen, das Pfeilkraut kommt an der Spree häufig bis üppig vor. Auf der Weiterfahrt gibt es einen Storchenrekord. Da ein Bauer sein Feld bestellt, haben sich gleich 16 Störche in der Hoffnung auf Nahrung eingefunden. Ein 17. Storch steht schmollend abseits. Das ist der Opa, beschließen wir. Wir kommen an einer Papierfabrik vorbei "Pappen und Kartonagen". Die Mühlenanlage und ein alter Speicher bieten sich als Fotomotive an.


Mühlenanlage

Alter Speicher
So kommen wir nach Uhyst, dem eigentlich geplanten Ziel des Tages. Dabei ist es gerade erst Mittag. Eine kleine Rundfahrt ergibt, es existiert anscheinend keine Übernachtungsmöglichkeit. (Doch!) Aber das ist im Moment nicht lebenswichtig, vielleicht kommen wir doch noch bis Spremberg. An der auf den ersten Blick barocken Kirche machen wir Rast. Das Barock entpuppt sich als aufgemalte Attrappe von Säulen und Fenstersimsen.


In der Braunkohlegrube
Es folgt nun eine Art Schnitzeljagd, denn der Spreeradweg ist ab hier nicht weiter ausgeschildert. Der Weg durch einen "aufgefüllten Tagebau" wie es heißt, ist nicht auffindbar. Es gibt eine andere Variante über den Ort Lippen. Dort fahren wir einem Schild nach, das einen Radweg markiert. Nur die Richtung stimmt nicht. Es geht am Rand einer stillgelegten Kuhle, viele qkm groß, dahin: "Betreten verboten, Lebensgefahr". Es ist abzusehen, daß diese Kuhle ganz umfahren werden muß, so an die 5 km kann man abschätzen. Da läßt sich ein Sandweg erkennen, der quer durch die Kuhle führt. Und dahinter eine Ortschaft, das ist nach der Karte Lohsau. Ob man unter Einsatz seines Lebens diesen Weg befahren kann? Ich erkunde das erst mal zu Fuß. Unterhalb der Böschung steht aber eine Schutzhütte für Wanderer, das ist ein gutes Zeichen.


Rastplatz in Lohsa
So radeln wir alsbald quietschvergnügt durch das verbotene Gelände. Links und rechts Wasserflächen und Sumpflöcher, da kann sicher kein Mensch, ohne sein Leben zu riskieren, seinen Fuß hin setzen. Und so kommen wir tatsächlich auf diese originelle Weise nach Lohsa, wo man an einem Teich mit Seerosen wieder eine Rast verdient hat. Die weitere Strecke ist nicht so schön, aber interessant. Bis zu dem Ort Burg (der dritte dieses Namens bisher) fährt man an einer riesigen Grube entlang, leider mit Gegenwind. Ab Burg aber ändert sich die Richtung wieder und es wird weniger anstrengend. Rechts wird eine stillgelegte Grube zu einem Badesee, der heißt "Bernstein" Findet man in der Braunkohle auch Bernstein? Wäre vielleicht möglich.


Fachwerkkirche
In Spreewitz sind wir wieder auf der richtigen Strecke, wie der Name sagt. Wir wählen aber die Landstraße, damit wir heute doch noch nach Spremberg kommen. Man passiert das berühmte Kraftwerk "Schwarze Pumpe", die Sonne trübt sich ein. Aber das ist doch wohl wetterbedingt, die Zeiten, wo man hier am Tag mit Licht fahren mußte, sind vorbei. Kurz vor 18 Uhr sind wir in Spremberg, wo wir in der Touristeninformation uns gerade noch ein Zimmer im Hotel "Zur Post" vermitteln lassen können. "Hier sind zwei müde Radfahrer, die haben 100 km hinter sich" flötet die nette Dame ins Telefon. Die Vermittlung kostet weiter nichts als einen Fünfziger in die Kaffeekasse in Gestalt eines Sparschweins.

Unser Zimmer im Hotel "Zur Post" ist luxuriös (für unsere Verhältnisse). Man muß erst mal lernen, wie die Mischapparatur der Dusche funktioniert. Der Spiegel ist neigungsverstellbar. Alles funkelnagelneu. Das haben wir uns verdient - heißt es mal wieder.

Der Rundgang in Spremberg vermittelt gemischte Eindrücke. Der Marktplatz wird auf der einen Seite von alten Gebäuden oder nagelneuen Geschäftshäusern begrenzt. Auf der anderen Seite stehen klotzige Plattenbauten. Davor befindet sich eine Baustelle, wo ein Geschäftszentrum entsteht. Vielleicht ergibt sich nach dessen Fertigstellung ein ansprechenderes Ambiente. Ursache dieses Sammelsuriums sind wieder die Zerstörungen im Krieg, die Russen haben von oben in die Stadt geschossen und 65 % zerstört. Was in der Zeit des Sozialismus an alter Bausubstanz vielerorts noch verdorben wurde, weiß man ja.

Mit unserem Hotelier und einem Gast, der aus Spremberg stammt, führen wir noch ein Gespräch, das uns einige Informationen vermittelt. So erfahren wir, daß das Kraftwerk für über 1 Mrd. instand gesetzt worden ist, mit vorbildlicher Umwelttechnologie usw. Während der Bauzeit hatte unser Hotelier keinen Mangel an Gästen, wie die Zukunft werden wird, ist dagegen ungewiß. "Und der Biedenkopf, der gräbt uns das Wasser ab" läßt sich der Senior vernehmen. Wir befinden uns nämlich mittlerweile im Bundesland Brandenburg, die Braunkohlegruben dagegen liegen weitgehend in Sachsen. Es dauert Jahre, bis so eine Kuhle voll Wasser läuft, was dem Wasserstand der Spree weniger gut bekommt.

Hier paßt der schöne Spruch, der im bikeline-Heft allerdings bei den Spreequellen zitiert wird:

"Wull'n mer de Berliner fubb'm,
brauch mer ock de Spree zustubb'n."

An dieser Stelle muß noch ein weiteres Thema eingefügt werden: die Sorben. Wir wissen nicht mehr, wo es war irgendwo in der Lausitz, als uns erstmals die Beschilderung von Ortsnamen in "Polnisch" auffielen. Natürlich handelt es sich nicht um Polnisch, sondern um die Sprache der Sorben, die wendischen bzw. slawischen Ursprungs sind. Sonst haben wir bei der Durchfahrt von der sorbischen Kultur nichts wahrgenommen. Es gibt etliche Museen über die Sorben. Wenn man das Glück hat, als zahlender Tourist einem Heimatabend beizuwohnen, wird man sicher einige Sorben in Trachten und bei alten Liedern und Tänzen bewundern können.


Kapitel 3